Bengt Stiller ist Radsportler, Abenteurer und Fotograf. Anhand von vier seiner Bilder erzählt Klaus Brixler Stillers Leben in Auszügen.


Unser erstes Foto von 2018 vom Silk Road Mountain Race, offenbar ein Polizist, der euch freundlich gesinnt ist. Wie ist das Foto entstanden?
Das ist einer der besonders schönen Momente beim Silk Road Mountain Race. Dieses Rennen führt zu einem nicht ganz so kleinen Teil entlang der chinesischen Westgrenze. Die kirgisische Armee kontrolliert im Auftrag Chinas einen 60 oder 80 Kilometer langen Streifen entlang der Grenze. Das bedeutete, dass wir bevor wir ins Rennen gegangen sind, eine Bescheinigung Chinas brauchten, mit unserer Rennnummer, Passnummer, Namen, etc. damit wir bei jedem Eintritt in den Korridor überhaupt weiterfahren durften. In dem Fall auf dem Foto ist das ein Grenzbeamter, der sich sehr für unser Setup interessiert hat. Er wollte jedes einzelne unserer Räder ausprobieren.

Kannst du das Silk Road Mountain Race beschreiben?
Das Silk Road Mountain Race ist 2018 von Nelson Trees ins Leben gerufen worden. Er ist selbst sehr erprobter Langstreckenfahrer, ein sehr guter Finisher vom Transcontinental oder Highland Trails 550. Er kam auf die Idee, ein neues Ultra-Rennen zu schaffen: die erste Ausgabe über 1.550 Kilometer mit 15 Pässen über 3500 Meter Seehöhe. Das Ganze ist als Solo-Race – unsupported, also ohne jede Unterstützung von außen – konzipiert. Man erhält nur die Route als GPX-Track. In dieses Abenteuer haben sich bei der ersten Edition 100 Fahrerinnen und Fahrer gestürzt. Obwohl das Rennen im Hochsommer stattgefunden hat, waren die klimatische Bedingungen aufgrund der Höhe entsprechend hart. Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der in diesen Höhen überhaupt Teile der nomadischen Bevölkerung anzutreffen sind. Eine sehr unwirtliche Gegend schlussendlich, was aber den Reiz an der der Sache nochmal erhöht.

Wie viele sind bei dem Rennen durchgekommen?
Bei der ersten Edition kamen 29 durch, was einer Ausfallquote von 70 Prozent entspricht. Das sah im letzten Jahr schon ganz anders aus mit „fifty-fifty“ – aber das ist dann wieder normal bei einem solchen Rennen.

Du bringst auch einiges an Fotos von solchen Rennen mit. Wie funktioniert Fotografie auf so einem Abenteuer?
Ich fahre mit reduziertem Equipment. Natürlich geht die Zeit, die ich für das Fotografieren brauche, auf Kosten der Zeit, die ich für das Rennen brauche. Hie und da will ich den Moment mitnehmen und warte ob da noch eine Person ins Bild reinfährt. Das ist ein Investment, das ich bringe, das schneide ich mir von meiner Platzierung und Geschwindigkeit runter.


Das zweite Bild, das wir besprechen, sieht aus wie aus einem Radmodekatalog. Wie entsteht so ein Bild – ist das geplant oder entsteht das im Moment?
Hier ist wieder eine Mischung, dieser konkrete Shot war so gewollt – das war für eine deutsche Rennradbekleidungsmarke, Bieler aus Chemnitz. Wir haben uns zur „Mecklenburger Seenrunde“, ein 300 Kilometer-Event, in der Gegend aufgehalten und das genutzt, um die aktuelle Kollektion zu shooten. Diese „Golden Hour“, also dieses wärmste, letzte Licht des Tages, war ein Stück weit Wunschvorstellung – und dann wird natürlich geschaut: Einfallswinkel und welcher Spot funktionierten dafür. Sowas kann beiläufig zustandekommen, aber wenn man halbwegs weiß, wo man hinwill, muss man vorher scouten. Dann nutzt man die unglaublich kurze Zeit an der Stelle, variiert die Kleidung – das Licht bewegt sich sowieso und alles passiert in einer kurzen Zeitspanne. Es macht aber unglaublich viel Spaß, das ist ein „Hochdruckding“ – das muss dann funktionieren.


Wir kommen zum nächsten Foto – der Kenner sagt, das ist am Mount Ventoux. Was macht den Berg so speziell?
Der Mount Ventoux ist einer der wenigen Berge, die bis auf die Spitze zu befahren sind. Darum ist dieser Berg auch so schwierig zu befahren. Die Vegetation hier nimmt entlang des Aufstiegs ab, und man fährt in diese Mondlandschaft. Der Aufstieg nimmt scheinbar kein Ende. Also mich hat der Berg damals gebrochen. Zwei Kehren vor dem Gipfel wollte ich heulen, dabei musste ich die ganze Zeit essen wie ein Verrückter.


Unser letztes Bild zeigt einen abenteuerlichen Weg, der über ein sandiges Gebirge führt. Wie ist dieses Foto entstanden?
Das Foto ist während des Atlas Mountain Race im marokkanischen Atlas-Gebirge entstanden. Auch dieses Rennen hat Nelson Trees, der auch das Silk Road Mountain Race erfunden hat, entworfen. Vor diesem Rennen bin noch nie in meinem Leben in Afrika gewesen. Das Rennen findet während des europäischen Winters statt. Im Gegensatz zu Kirgisistan sind die Strecke und die Gegebenheiten überschaubarer. Das Bild zeigt einen Ausschnitt dieser völlig unglaublichen Passstraße runter in eine Oase, wo die zweite oder dritte Labstelle war.

Viele dieser Rennen führen durch die schönsten Regionen der Welt. Als Sportler hat man allerdings kaum Gelegenheit, die Gegend zu genießen. Warum nicht einmal gemütlich mit dem Rad umherreisen?
Ich bin halt so ein kleines Energiebündel, ich finde einfach die Herausforderung klasse – der Druck birgt ja auch so eine Spannung in sich. Das entspricht mir eben als Fotograf, Abenteurer, Fahrradfahrer. Selbst wenn ich dem „Einfach-so-durch-die-Gegend-Gleiten“ auch einiges abgewinnen kann.

Mit dem Radreisen hat alles für dich überhaupt erst begonnen, oder?
Ich hab ganz früh als Jugendlicher angefangen, Touren zu fahren. Mit 15 Jahren habe ich Schweden durchquert. Meine Eltern haben mich „früh rausgelassen“. Ich war sehr kräftig, und das Fahrrad war auch immer mein Hauptverkehrsmittel. Am Anfang ist es nicht darum gegangen, sportliche Leistungen zu bringen. Das war eine Zeit noch vor dem Handy. Da hatte man einfach eine Karte mitgehabt, sich die Gegend angeguckt, und irgendwann hast du verstanden was die unterschiedlichen Strichstärken auf der Karte bedeuten.

Wie würdest du die Faszination für das Radfahren und den Radsport beschreiben?
Radfahren hat mich mit Emotionen beschenkt. Was ich die Jahre entlang am Rad erleben durfte an Menschen und Landstrichen und Situationen: da möchte ich von Reichtum sprechen. Und langsam kann ich auch davon sprechen, dass ich mit meiner Arbeit rund um das Thema Fahrrad auch ernstzunehmende Kunden aquirieren kann: Das ist auch der Weg, den ich gerne weitergehen möchte.

Das ist die gekürzte und adaptierte Fassung eines Audio-Interviews, das Klaus Brixler für den Fahrrad-Podcast „Reich durch Radeln“ geführt hat.