Von A nach B
Verirren war vorgestern, Landkarten gestern: Längst fährt man am Rad nach Navi-App. Nur: nach welcher?
PFADFINDER und FOTOGRAF: Martin Granadia-Totschnig
Ein Foodora-Fahrer auf der Autobahn, mit dem Rennrad auf der MTB-Strecke oder überhaupt im Leben falsch abgebogen?
Wo wir sind und wohin wir wollen – das sind uralte Fragen. Philosophinnen und Philosophen sinnieren und schreiben eit jeher darüber. Allerdings nicht im DRAHTESEL: Hier lautet der Auftrag ganz prosaisch „Test“, nicht „philosophische Abhandlung“. Schade? Ja sicher – vielleicht beim nächsten Mal…
Ganz ohne allgemeine Betrachtung und Einführung funktioniert das Thema „Navigation am Fahrrad“ allerdings auch nicht. Schließlich gibt es sehr unterschiedliche Arten von Radfahrenden, sehr verschiedene Anforderungen an Routenplanung, variierende Niveaus in Bezug auf Abenteuerlust – aber auch Geduld.
Bevor es also ums „Werkzeug“ gehen kann, ist eine kleine Typologie der „Routensuchenden“ daher notwendig.
Der Pragmatiker, die Pragmatikerin, …
… will möglichst schnell von A nach B kommen, navigiert mit dem Mobiltelefon (das man ja ohnehin dabei hat), legt wenig bis keinen Wert auf Schönheiten am Wegesrand oder beschauliche Landschaften. Für diese Flotten zählt Zeit mehr als alles andere, dafür nehmen sie mitunter auch Verkehr, große Straßen oder andere Einschränkungen in Kauf.
Radflaneure und -flaneurinnen …
… sind dagegen auf Genuss getrimmt, nehmen gerne Umwege in Kauf, werden dafür am Weg mit Einund Ausblicken in Land, Stadt und Leben belohnt.
Diese grob gefassten Typologien werden dann auch noch von unterschiedlichen Rad-Arten (Rennrad, Gravel, Mountainbike, Tourenrad) überlagert oder unterteilt: Am Ende gibt es also einen chaotischen Wust an verschiedenen Anforderungen und Ansprüchen, dem wohl – soviel sei vorweggenommen – keine App und kein Tool vollumfänglich gerecht werden kann: „Kompromiss“ lautet also das Gebot der Stunde – und Flexibilität kann ja sowieso nie schaden.
Wer sich aber voll und ganz der Technik anvertraut (oder ausliefert), sollte sich nicht wundern, wenn diese einmal auf nicht ganz optimale Wege führt. Zu klären wäre dann noch eine Frage: Will man mit dem Handy oder einem dezidierten Navi am Lenker unterwegs sein? Vor- und Nachteile gibt es auf beiden Seiten: wer öfter und länger unterwegs ist, sollte sich die Anschaffung eines Navis überlegen – ob Wahoo, Garmin, Coros oder Hammerhead ist da im Grunde egal.
Handys entleeren navigierend mitunter recht (sehr!) schnell ihren Akku, mögen Feuchtigkeit oft gar nicht gerne und bei den aktuellen Preisen eines iPhones ist es vermutlich auch billiger, wenn das Navi und nicht das Handy zu Bruch geht.
Aber Obacht: Suchtgefahr!
Abschließend noch – aufgrund persönlicher „Betroffenheit“ – eine kleine Warnung: Routenplanen kann süchtig machen! Während man sich auf Komoot schon mit den integrierten „Fotos von unterwegs“ quasi am Computer auf Reisen begeben kann, gibt es allerlei „Nerd-Stuff“, auf den man reinkippen kann – und wird.
„Wandrer“ etwa zeigt alle von einem selbst jemals befahrenen Wege auf der ganzen Welt – aber auch die, die noch fehlen. Und „Squadrats“ unterteilt die ganze Welt in große und kleine Quadrate, die natürlich auch alle erkundet werden wollen – perfekt für alle, die die Welt abseits bekannter Routen entdecken wollen!
Testergebnisse
Google Maps
Perfekt als „zweite Meinung“
Google weiß zwar alles über Geschäfte, Verkehrslage, Hotelpreise und was man zuletzt zu Essen bestellt hat, ist aber bei der Fahrradroutenplanung zeitweise erstaunlich unwissend. Resultat dieses Nichtwissens sind Routen, die allzu oft über Wege und Straßen führen, auf denen man mit dem Fahrrad nur bedingt landen will. Umständliches Hakenschlagen und fehlende Radwegmarkierungen in den Karten kommen dann noch dazu. Googles „StreetView“ eignet sich allerdings großartig dafür, zu beurteilen, wie es vor Ort tatsächlich aussieht (erst recht in Kombination mit anderen Planungstools). Alles in allem: praktisch, um sich rasch einen Überblick zu verschaffen und die „grobe Richtung“ herauszufinden, im Detail aber nicht überzeugend.
Strava
Eher Sport als Alltag
Etwas „sportlicher“ wird es mit Strava, hier kann zwischen Fahrrad und Mountainbike unterschieden werden, außerdem kann nach Wegoberflächen gefiltert werden. Strava arbeitet im Hintergrund stark mit Heatmaps, präferiert also jene Wege, die man selbst und vor allem viele Andere schon gefahren sind. Die fehlende Unterscheidung in Alltags- und Freizeitradeln kann hier aber leicht dazu führen, dass man mit dem Stadtrad dort landet, wo sonst Rennradlerinnen und -radler unterwegs sind.
Empfehlung für erklärte (Renn)Radtouren, bei denen es in erster Linie ums Fahren geht.
Komoot
Eierlegende Wollmilchsau
Hier lassen sich die meisten Parameter individualisieren, ein-/ausschließen, filtern und anschauen. Es gibt eine eigene Kategorie Gravel, zu jeder Tour und Gegend zahlreiche Fotos, anhand derer man sich ein Bild machen kann, Empfehlungen aus der Community und „Points of Interest“.
Komoot eignet sich am besten für all jene, die bewusst Zeit in ihre Routenplanung investieren wollen, um das Erlebnis Radfahren zu maximieren. In der Kategorie „Fahrrad“ (also nicht Renner, MTB oder Gravel) außerdem sehr gut für die Planung von Alltagsrouten mit gut gekennzeichneten Radwegen.
radlkarte.at
Das Werkzeug für die Stadt
Das Tool der Radlobby bietet für ausgewählte österreichische Städte einen guten Überblick über vorhandene Radwege und -routen und kategorisiert diese nach „Gemütlichkeit“ und „Relevanz“ im Verkehrsnetz. Außerdem gibt es wertvolle Zusatzinfos über Beschaffenheit und Lage der Wege. Angesichts zahlreicher Baustellen und Sperren sind die aktuell gehaltenen Infos zu Fahrverboten und Umleitungen wertvoll.
Squadrats
Wie Pacman – aber am Rad
Eigentlich eine Spielerei, aber in vielerlei Hinsicht horizonterweiternd sind Tools wie Squadrats. Kein klassisches Navigations- oder Planungstool: Hier geht es darum, Quadrate zu füllen und zu „fressen“ wie einst beim Pacman-Spielen. Bringt einen zwar definitiv nicht schneller und besser ans Ziel, erhöht aber den Spaß (und kann süchtig machen!).





