Radeln kann man nicht nur als junger Mensch, man kann es auch weit jenseits des Pensionsantrittsalters. Und viele Ältere sind durchaus motiviert. Wenn nur die Radwege besser wären ...

Text: Ruth Eisenreich, Illustration: Florine Glück, Infografik: Anna Hazod.


Im Mai ist Robert Marchand gestorben, der älteste Radsportler der Welt. Er wurde 109 Jahre alt. Mit 105 hatte er seinen letzten Weltrekord aufgestellt: Im Vélodrome National nahe Paris fuhr er 22,6 Kilometer in einer Stunde, Rekord in der Klasse 105+, die der internationale Radverband UCI extra für ihn eingeführt hatte.

Nicht jede*r kann und will mit 70, 80, 90 oder gar 100 noch Rennen fahren. Aber Radausflüge genießen oder sich im Alltag mit dem Fahrrad fortbewegen: Das können und wollen viele Menschen auch noch weit jenseits des Pensionsantrittsalters.

Das Klischee von den jungen Radfahrer*innen und den alten Autofreaks deckt sich nur bedingt mit der Realität. In der letzten Mobilitätserhebung des Verkehrsministeriums von 2013/14 waren es nicht die jungen Erwachsenen, die am meisten Rad fuhren. Im Gegenteil: Die 20- bis 24-Jährigen legten nur drei Prozent ihrer Wege mit dem Rad zurück, die 25- bis 34-Jährigen vier Prozent, bei den Menschen ab 65 waren es sieben Prozent.

Wer heute 30, 40 oder 50 ist, ist mit der „autogerechten Stadt“ aufgewachsen. Ältere Menschen hingegen können sich noch an eine Zeit erinnern, in der die Städte den Radfahrenden gehörten.

„In den 50er Jahren haben sich auf der Reichsbrücke nicht die Autos gestaut, sondern drei, vier Radfahrende sind nebeneinander über die Brücke gefahren“, erzählt Michael Šubik, 79, der in Wien aufgewachsen ist. Im Sommer vor der Matura sei er jeden Tag von Kagran nach Favoriten geradelt, habe dort in einem Getränkelager Kisten geschleppt, sei am Abend oft noch nach Klosterneuburg zu einer Nachhilfeschülerin gefahren und dann wieder nach Hause. Rund 50 Kilometer – „und ich habe mir nichts anderes dabei gedacht, als sich heute ein Autofahrer denkt, der mehrere Termine über Wien verteilt hat“, sagt Šubik.

Als sie, irgendwann im Kindergartenalter, Radfahren gelernt habe, gab es noch keine Kinderräder, erinnert sich Marianne Haas, 84, aus Wels. „Mein Bruder und ich haben das Radfahren auf einem Herrenrad gelernt, bei dem wir zwischen den Stangen durchgestiegen sind zum Pedal.“

„Ich bin immer mit dem alten, schweren Steyr-Rad meiner Mutter in der Gegend herumgefahren“, erzählt Wolfgang Hirschberg, 75, über seine Kindheit in Niederösterreich. „Damit das Gleichgewicht auf den unasphaltierten Straßen zu halten, war gar nicht so einfach. Mit 14 habe ich mir ganz stolz aus meinen Ersparnissen ein Puch-Rad mit drei Gängen gekauft.“

Die Macht der Gewohnheit

Im Jahr 1950, als Šubik und Hirschberg Kinder waren und Haas ein Teenager, kamen auf 1.000 Menschen in Österreich sieben Autos. Zehn Jahre später waren es schon 57 Autos, im Jahr 1970, als sie junge Erwachsene waren, 160. Heute sind es 570 Autos auf 1.000 Personen – Tendenz weiterhin leicht steigend.

Kaum eine Familie, die nicht irgendwann im Laufe der Jahrzehnte ein Auto angeschafft hat. Das Fahrrad wurde bei den meisten vom alltäglichen Fortbewegungsmittel zum Sportgerät, verschwand im Keller, von wo man es nur für Urlaube oder gelegentliche Radtouren hervorholte, oder man entsorgte es überhaupt. Auf den Straßen dominierten jetzt die Autos, Radwege gab es kaum, Abstellmöglichkeiten oder gar Duschen am Arbeitsplatz auch nicht.

Das wirkt bis heute nach. Wer mit 20 das letzte Mal auf einem Rad gesessen ist, wird sich – egal wie gesund und wie umweltfreundlich es ist – mit 70 wohl nicht wieder auf eines schwingen.

Wer über die Jahrzehnte hinweg zumindest zwei, drei Mal im Jahr eine kleine Radtour gemacht hat, der kann das Rad im Alter wieder hervorholen wie Michael Šubik, der keinen Führerschein hat und dessen Frau jahrzehntelang fürs Autofahren zuständig war. „Jetzt ist meine Frau erkrankt, und ich muss für uns beide sorgen“, sagt er – und weil er mit dem öffentlichen Verkehr im Wiener Stadtteil Alt-Erlaa nicht zufrieden ist, „ist das Rad jetzt auf einmal wieder ein notwendiges Verkehrsmittel für mich geworden, so wie damals in den 50ern.

“Und hat jemand ein Leben lang seine Einkäufe mit dem Rad erledigt wie Marianne Haas, war immer schon begeisterter Rennradler wie Wolfgang Hirschberg oder ist mit um die 50 wieder aufs regelmäßige Radfahren umgestiegen, statt das kaputte Auto zu ersetzen, wie die heute 69-jährige Susanna Frey, stehen die Chancen gut, dass er oder sie auch jenseits des Pensionsalters weiter mit Freude radelt.

Sicherheit durch Infrastruktur

Das persönliche Umfeld könne einen großen Unterschied machen, sagt Susanna Frey. Ihr Partner sei jahrzehntelang Autofahrer gewesen und habe sich erst durch ihren Einfluss wieder ein Fahrrad gekauft. Sie selbst wiederum lasse sich oft von ihren Töchtern motivieren, auch längere Strecken mit dem Rad statt mit den Öffis zu fahren.

Was viele ältere Menschen vom Radfahren abhält, ist offenbar weniger eine Geringschätzung des Radfahrens – bei einer Befragung im Grazer Bezirk Andritz im Jahr 2010 etwa stimmten 73 Prozent der Senior*innen der Aussage zu, die Stadt Graz solle den Autoverkehr einschränken, um das Radfahren und Zufußgehen zu fördern.

Das wesentlichste Hindernis ist neben der fehlenden Routine das Thema Sicherheit.

„Ich betrachte das Radfahren zu 20 Prozent als Vergnügen und zu 80 Prozent als Notwendigkeit“, sagt Michael Šubik. Das liege weniger am Radfahren an sich als daran, dass er sich auf vielen Wegen unsicher fühle. Im Alter werde einem eher bewusst, dass einem etwas geschehen könne, sagt Šubik: „Wenn mir irgendetwas passiert, und da reicht schon ein Beinbruch, sind meine Frau und ich Pflegefälle.“

„Ohne Helm zu fahren wäre inzwischen undenkbar für mich“, sagt Marianne Haas. Sie habe mehrere Bekannte, deren Kinder nicht wollten, dass sie weiterhin oder wieder aufs Rad steigen, erzählt sie. „Die finden das auch vernünftig, aber sie bedauern es sehr.“

„Meine Freund*innen, mit denen ich Rad fahren gehe, sagen alle, wieso soll etwas anders sein im Alter?“, sagt Susanna Frey. Sie selbst sei aber vorsichtiger geworden: „Früher ging es mir nur darum, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen, heute bin ich eher bereit, einen Umweg in Kauf zu nehmen, um auf einem richtigen Radweg fahren zu können oder eine Schienenstraße zu vermeiden.“

Auch wenn man im Alter langsamer reagiert, vielleicht schlechter sieht oder hört: Vieles, was die Sicherheit – oder das Sicherheitsgefühl – älterer Menschen beeinträchtigt, hat weniger mit individuellen Fähigkeiten zu tun als mit der Qualität der Infrastruktur.

Das Handbuch „Mobilität im Alter“, das das Verkehrsministerium 2013 herausgab, listet Gefahrenquellen auf, die ältere Menschen besonders häufig nennen: Zu schnelle Autos, zu knappes Überholen durch Autos, sich plötzlich öffnende Autotüren, komplexe Handlungserfordernisse, Mischung von Fuß- und Radverkehr auf derselben Fläche, unvermutet auftretende Schäden am Radweg bzw. Belag, verparkte Radwege, Schienen, Randsteinkanten.

In den Gesprächen mit Susanna Frey, Marianne Haas, Michael Šubik und Wolfgang Hirschberg tauchen zwei Punkte besonders häufig auf: Zu schmale Radwege und die Tatsache, dass darauf zu viele Menschen mit zu unterschiedlichen Bedürfnissen und Geschwindigkeiten auf zu knappem Platz unterwegs sind.

Silke Edelhoff ist Stadtplanerin und Projektleiterin des EU-Projekts Green-Sam, das sich mit nachhaltiger Mobilität älterer Menschen beschäftigt. Ob man schnell fahren kann, spiele für ältere Menschen keine so große Rolle wie für jüngere, aber ansonsten würden sich die Anforderungen an Radwege kaum unterscheiden, sagt sie – „nur können Jüngere mit Mängeln eher umgehen, bei Älteren sind die Auswirkungen eklatanter.“

Das zeige sich zum Beispiel beim Thema Abstellanlagen: Auch Ältere wollten ihre Räder, oft teure E-Bikes, gut und sicher abstellen, „aber weil mit zunehmendem Alter Körperkraft und Flexibilität abnehmen, ist es für sie noch wichtiger, dass es Abstellmöglichkeiten gibt, die man gut nutzen kann, die ebenerdig sind und nicht zu eng.“ Auch unübersichtliche Radwegeführungen und unklare Beschilderungen seien für ältere Menschen noch größere Stressfaktoren als für jüngere.

Fazit: Älteren Radfahrenden das Leben zu erleichtern und mehr Ältere aufs Rad zu bringen, wäre also eigentlich ganz simpel: Mit denselben Maßnahmen, die auch den Jungen das Leben erleichtern.

Quelle: Bundesministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie (BMK): „Österreich unterwegs … mit dem Fahrrad“, 2017, Wien

 

Weiterführende Links

> Handbuch “Mobilität im Alter” (2013) – Verkehrsministerium bmvit
> GreenSAM – EU-Projekt, beschäftigt sich mit nachhaltiger Mobilität älterer Menschen

 


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