Wer auf dem Arbeitsweg einen Unfall hat, bekommt bestimmte Versicherungsleistungen nur, wenn er oder sie den kürzesten Weg gefahren ist. Ein Gerichtsurteil zeigt, welche Rechtsunsicherheit das für Radfahrer*innen bringt.

Bericht: Andrzej Felzcak.


Ein Unfall auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit nach Hause gilt in Österreich als Arbeitsunfall. Eigentlich. Denn wie ein Gerichtsurteil im Fall eines 42-jährigen Oberösterreichers zeigt, kann die nach Einschätzung von Versicherung und Gericht „falsche“ Streckenwahl dazu führen, dass ein Unfall nicht als Arbeitsunfall anerkannt wird – mit potenziellen Folgen für die Versicherungsleistungen, die der oder die Verunfallte bekommt.

Clemens Sandhöfner lebt in Ottensheim und pendelte bis vor Kurzem für seine Arbeit als Jugendbetreuer täglich nach Linz. Am 9. Jänner 2020 kam ihm an einer schmalen und steilen Stelle ein Auto entgegen, blieb zunächst stehen, setzte sich dann aber doch wieder in Bewegung. Sandhöfner bremste, stürzte und verletzte sich am linken Handgelenk. Da er auf dem Weg zur Arbeit war, meldete er einen Arbeitsunfall – doch die zuständige Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) erhob Einspruch, und das Landesgericht Linz gab ihr im Dezember 2020 recht.

Der Grund: Der Oberste Gerichtshof hat 2001 entschieden, dass ein Unfall nur dann ein Arbeitsunfall ist, wenn der direkte Weg gewählt wurde. Dass es gerade für Radfahrer*innen gute Gründe geben kann, einen anderen Weg zu nehmen, wird dabei nicht berücksichtigt, wie das Urteil im Fall Sandhöfner zeigt.

Für Sandhöfner führte der kürzeste Weg in die Arbeit über den Donauradweg. Doch Sandhöfner fuhr lieber einen anderthalb Mal so langen Weg über die Orte Dürnberg, Großamberg und Pöstlingberg, auf dem er auch noch 360 Höhenmeter überwinden musste. Nicht um zu trainieren, sondern aufgrund konkreter Überlegungen zur Verkehrssicherheit.

Nur auf den ersten Blick unsicherer

Sandhöfner arbeitete abends. Zu der Zeit, zu der er vor Arbeitsbeginn nach Linz fuhr, herrscht auf der Bundes- straße B127 neben dem Donauradweg dichter Autoverkehr in die Gegenrichtung. Bei Dunkelheit werden Radfahrende von den entgegenkommenden Autos geblendet, so dass sie weder den schmalen und kurvigen Radweg noch Randsteine oder entgegenkommende Radfahrer*innen zuverlässig erkennen können. Noch dazu gibt es auf dieser Strecke viele Ein- und Ausfahrten, die Anzeige ein hohes Risiko für die Verkehrssicherheit darstellen. Auf der Verkehrsunfallkarte der Statistik Austria sind auf dieser Strecke mehrere Unfälle zwischen Auto- und Radfahrer*innen dokumentiert, im Jahr 2017 etwa wurde ein Radfahrer bei einem Zusammenstoß mit einem Auto bei einer Tankstellenausfahrt acht Meter weit durch die Luft geschleudert und schwer verletzt.

Auf der Alternativroute, die Sandhöfner benutzt, gibt es keinen Radweg, und die Straße ist so schmal, dass zwei PKWs nur knapp aneinander vorbeifahren können. Auf den ersten Blick wirkt das unsicherer als ein Radweg – doch es gibt hier wenig Autoverkehr, und gerade die Enge der Straße zwingt Autos dazu, an unübersichtlichen Stellen sehr langsam zu fahren.

Sein Weg sei also nicht der kürzeste gewesen, aber der sicherste, argumentierte Clemens Sandhöfner, als die AUVA seinen Unfall nicht als Arbeitsunfall anerkennen wollte. Doch das Gericht sah das anders. In seiner Urteilsbegründung erklärt es Radwege für generell sicherer als Straßen mit Autoverkehr.

Dabei können Radfahrer*innen erfahrungsgemäß selbst am besten einschätzen, welche Route die sicherste ist. Nicht-Radfahrer*innen sind viele Risiken oft nicht bewusst.

Das Urteil im Fall von Clemens Sandhöfner zeigt eine große Rechtsunsicherheit für Radfahrer*innen auf, die aus Verkehrssicherheitsgründen häufig ruhigere und damit sicherere, aber längere Strecken wählen.

Die auf einem Urteil des Obersten Gerichtshofs zu einem Autounfall beruhende Rechtssprechung des Linzer Landesgerichts nimmt zu wenig Rücksicht auf die Besonderheiten des Radverkehrs. Es ist zu hoffen, dass andere Gerichte sich in ähnlichen Fällen in der Zukunft kein Beispiel daran nehmen.

Radverkehr ist nicht Autoverkehr

Das Wissen, dass er im Fall eines schwereren Unfalls keinen Anspruch auf Versehrtenrente oder auf die medizinischen, beruflichen und sozialen Rehabilitationsmaßnahmen der AUVA hätte, wenn er weiterhin den aus seiner Sicht sichersten Weg radelt, hat Clemens Sandhöfner nachhaltig beunruhigt.

Fazit: Er habe aus der Entscheidung des Gerichts Konsequenzen gezogen, sagt er: „Ich werde nicht mehr mit dem Rad zur Arbeit fahren.“

 


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