Ausgedehnte Urlaube mit Übernachtung? Schwierig in Zeiten der Pandemie. Aber wer raus aus der Stadt will, kann von Wien aus auch in einem Tag und ganz ohne Auto schöne Radausflüge machen – zum Beispiel diese fünf Touren.

Zusammenstellung und Reisebericht: Julia Beckel, Fotos: Julia Beckel, Hermann Hiebner, Andrea Siegl.

Für Gemütliche: Der Marchfeldkanal-Radweg

Felder im Vordergrund, Hochhäuser im Hintergrund – wer auf dem Marchfeldkanal-Rad- weg durch Stammersdorf fährt, sieht genau, wo die Stadt aufhört und das Land beginnt. Wobei das „Land“ sich hier noch auf Wiener Stadtgebiet befindet und der Weg zuvor schon durch den Wald und an einem Bach entlang geführt hat. Schon auf diesem ersten Teilstück kann man Frösche quaken und Vögel zwitschern hören, sofern die Spaziergänger*innen und Jogger*innen, mit denen man sich hier den Weg teilt, sie nicht übertönen.

Abwechslungsreicher Bodenbelag

Der Weg führt dann durch Gerasdorf mit seinem (kostenpflichtigen) Badeteich und weiter über Feldwege, durch (Spargel-)Felder, Siedlungen und Waldstücke und an imposanten Windrädern vorbei. Die meiste Zeit ist man dabei in der Nähe des Marchfeldkanals, später des Rußbaches unterwegs. Die Strecke ist flach, aber abwechslungsreich – auch von der Belagsqualität her. Gegen Ende verläuft sie auf einem neu ausgebauten, asphaltierten Radweg, davor wechseln sich Nebenstraßen, Spurfahrbahnen, Feld- und Schotterwege ab. Ein kurzes Stück bei Deutsch-Wagram ist nur reifenbreit, dafür sind die hohen Schilfwände interessant.

Auf dem letzten, etwas eintönigen Stück des Weges – auf dem es im Sommer mangels Schatten richtig, richtig heiß wird – tauchen dann schon die Hügel der Slowakei am Horizont auf. Ein kleiner Hügel ist jetzt noch zu bewältigen, bevor der oder die Radelnde beim Unesco-Weltkulturerbe Schloss Hof mit seinen prachtvollen Gärten und seiner Orangerie ankommt.

An- und Abreise von Wien

Mit der Schnellbahn oder direkt mit dem Rad nach Langenzersdorf. Für die Rückfahrt heißt es von Schloss Hof aus noch einmal in die Pedale treten und entlang der schnurgeraden, wenig befahrenen Straße zum Bahnhof Marchegg radeln. Die Bahnhöfe Gerasdorf, Deutsch-Wagram und Leopoldsdorf bieten Abkürzungsmöglichkeiten für alle, die nicht die ganzen 65 Kilometer fahren wollen.

Alle Radwege sind beschildert. Dennoch ist es sinnvoll, einen GPX-Track oder eine Karte dabei zu haben. Website: Donau – Marchfeldkanal Radweg, GPX-Track (Bergfex), Karte (pdf), Info Folder (pdf)

Fazit
Bequem erreichbar ****
Sportlich *
Autofrei ****
Bodenbelag ***
Landschaft ****

 

Für Sportliche: Der Kamp-Thaya-March-Radweg

Der Kamp-Thaya-March-Radweg verbindet Wald- und Weinviertel, und das heißt: Wer ihn befahren will, braucht stramme Wadeln oder ein E-Bike. Hier geht es viel auf und ab, mit wenigen Ausnahmen ist man auf Nebenstraßen oder Güterwegen unterwegs, von eigenständigen Radwegen kann keine Rede sein. Insgesamt hat der KTM 420 Kilometer, er bietet also verschiedene Möglichkeiten für Tages- und Mehrtagesausflüge.

Wer nicht gerne durch Waldgebiete fährt, ist auf dem Teilstück von Retz bis Hohenau in der Nähe der tschechischen Grenze richtig. Die hügelige bis flache Gegend ist trocken, sonnig und von Feldern geprägt; wo daneben noch natürliche Vegetation wächst, ist sie steppenartig. Natürlich gibt es im nördlichen Weinviertel auch viel Weinbau und damit diverse schöne Kellergassen, zum Beispiel die in Hadres, angeblich die längste baulich geschlossene Kellergasse Europas. Bei Falkenstein bietet sich ein schöner Blick auf die gleichnamige Burgruine auf ihrem Kalkfelsen.

An- und Abreise von Wien

Mit dem Zug nach Retz und zurück von Hohenau. Wem diese 113 Kilometer zu weit sind, der oder die kann auch schon nach 47 Kilometern in Laa an der Thaya in den Zug steigen oder nur die 66 Kilometer lange zweite Hälfte der Strecke von Laa nach Hohenau absolvieren.

Alternative Strecken

Ein weiterer gut für Trainierte geeigneter Teil des KTM sind die gut 122 Kilometer vom Bahnhof Schwarzenau über Rosenburg und weiter zum Bahnhof Krems, durch ein hügeliges Mosaik aus Dörfern, Wiesen, Feldern und Wäldern und am Stift Zwettl und der Rosenburg vorbei.

Als Variante für Familien mit sportlichen Kindern bietet sich die 42 Kilometer lange Strecke vom Bahnhof Rosenburg (Umsteigen nötig) durch das romantische Kamptal und die Weingegend um Langenlois zum abseits der beschilderten Route gelegenen Bahnhof Etsdorf-Straß an.

Alle Radwege sind beschildert. Dennoch ist es sinnvoll, einen GPX-Track oder eine Karte dabei zu haben. Website: Kamp-Thaya-March-Radroute

Fazit
Bequem erreichbar ****
Sportlich **
Autofrei ***
Bodenbelag ****
Landschaft ***

 

Für Heurigen-Fans: Der Weingartenradweg

Dieser Weg bietet das, was sein Name verspricht. Am Rand der Weinberge radelt man entlang der Ausläufer der Wiener Alpen, mit Blick auf die dichtbesiedelte Ebene auf einer Seite und auf wunderschöne bewaldete Hügel und Weinrieden auf der anderen. Auf der Strecke liegt Thallern, das größte Weingut Österreichs; die hübschen Gassen von Sooß, Baden und Gumpoldskirchen bieten sich zum Flanieren an. Und dann sind da, sofern Corona es erlaubt, noch die vielen Heurigen auf dem Weg. Der Weg ist eher flach – vor allem zwischen Bad Vöslau und Baden – und relativ familienfreundlich, führt allerdings nicht nur über Güterwege, sondern auch auf Nebenstraßen und durch Siedlungen mit Autoverkehr.

An- und Abreise von Wien

Mit dem Zug nach Bad Vöslau oder Baden und zurück von Guntramsdorf oder Mödling. Wem die 20 Kilometer von Bad Vöslau nach Mödling zu wenig sind, der oder die kann auch eine Runde machen und über den Thermenradweg zurück zum Ausgangsbahnhof fahren.

Alle Radwege sind beschildert. Dennoch ist es sinnvoll, einen GPX-Track oder eine Karte dabei zu haben. Website: Wienerwald – Weingartenradweg

Fazit
Bequem erreichbar *****
Sportlich **
Autofrei ****
Bodenbelag *****
Landschaft ****

 

Für alle mit Kindern: Der Helenentalradweg

Ein Spielplatz zum Austoben gleich am Anfang und kaum Steigungen: Der Helenentalradweg ist eine ideale Tour für Menschen mit Kindern. Lauschig ist er außerdem, er geht großteils durch den Wald, meist in Bachnähe, hier ist es also auch im Sommer schön kühl. Manchmal verläuft der Radstreifen neben der Straße, in der zweiten Hälfte des Weges zeitweise entlang großer Wiesen. Bei Sattelbach endet die offizielle Beschilderung für den Helenentalradweg – es lohnt sich aber, auf dem Stiftsradweg noch drei Kilometer weiter bis Heiligenkreuz zu fahren. Dort öffnet sich ein beeindruckender Blick auf das Stift, und noch ein Stück weiter bietet die Mariengrotte einen romantischen Platz zum Jausnen im Schatten.

An- und Abreise von Wien

Mit ÖBB oder Badner Bahn bis Baden, dann ein kurzes Stück durch Baden zum Helenental. Motivierte können auch von Wien aus auf dem EuroVelo 9 starten. Von Baden bis Heiligenkreuz sind es elf Kilometer, die man auch wieder zurückfahren muss.

Alle Radwege sind beschildert. Dennoch ist es sinnvoll, einen GPX-Track oder eine Karte dabei zu haben. Website: Wienerwald – Helenentalradweg

Fazit
Bequem erreichbar *****
Sportlich *
Autofrei ****
Bodenbelag *****
Landschaft ****

 

Für Fernweh-Geplagte: Der EuroVelo 9

Wer Reisen ins Ausland vermisst, kann sich auf dem Eurovelo 9 dem Gefühl hingeben, zumindest auf einem Transeuropäischen Fernradweg unterwegs zu sein. Von der Ostsee bis zur Adria quert der Radweg auf 2.050 Kilometern sechs Länder – Polen, Tschechien, Österreich, Slowenien, Italien und Kroatien. Der niederösterreichische Teil ist 227 Kilometer lang, bietet also wie der KTM verschiedene Optionen für (Mehr-)Tagesausflüge.

Weinberge und eine alte Eisenbahn

Eine schöne, anfangs anspruchsvolle Tagesetappe ist die von Mistelbach oder Niederkreuzstetten nach Wien. Bald nach dem Start geht es zwei Mal ziemlich bergauf, bis Hornsburg, angeblich seit über 5.000 Jahren besiedelt, am Rande des Kreutwaldes. Durch den Wald geht es weiter ins idyllische Kreuttal. Ab Unterolberndorf wird die Strecke flach, führt durch Felder, vorbei an Weinbergen und entlang des Rußbaches nach Wolkersdorf, wo man sich ab Mai im Freibad abkühlen kann. Danach verläuft der Weg durch die Ebene am Rand des Marchfelds, entlang der Trasse einer alten Eisenbahn, vorbei an Windrädern, bis bald der Bisamberg und die Hügel des Wienerwaldes am Horizont auftauchen.

Der Abschnitt ab Obersdorf ist auch für Touren mit Kindern ideal, vor allem, wenn sie sich für alte Eisenbahninfrastruktur begeistern können. Dieses Stück deckt sich mit dem Erlebnisradweg „Dampfross und Drahtesel“.

An- und Abreise von Wien

Mit dem Zug bis Mistelbach, von dort nach Wien sind es 62 Kilometer. Wer eine kürzere Tour sucht, kann auch am Bahnhof Wolkersdorf aussteigen und nur die letzten 26 Kilometer der Strecke fahren.

Der Weg führt direkt zurück nach Wien, ab der Stadtgrenze ist allerdings Durchwurschteln gefragt, denn hier wird die Beschilderung lückenhaft. Am Ende landet man (hoffentlich) an der Neuen Donau, knapp oberhalb der gleichnamigen U6-Station, und kann dort die U-Bahn nehmen oder auf dem Steinitzsteg (Nordsteg) die Donau in Richtung Innenstadt überqueren.

Alle Radwege sind beschildert. Dennoch ist es sinnvoll, einen GPX-Track oder eine Karte dabei zu haben. Websites: Weinviertel – EV9, EuroVelo Österreich

Fazit
Bequem erreichbar *****
Sportlich ****
Autofrei ***
Bodenbelag ****
Landschaft ***

 

Julia Beckel arbeitet für den Arbeitskreis Radtourismus der Radlobby Österreich.

 

Weiterführende Info

> Broschüre: Erfrischend nachhaltig – mit Bahn, Bus und Rad unterwegs in Niederösterreich

 


Zum Weiterlesen

Drahtesel DE1/21

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