Seit März läuft in Wien die bisher wahrscheinlich ambitionierteste Kampagne für eine bessere Verkehrspolitik und eine bessere Gestaltung des öffentlichen Raums. Matthias Bernold und Klaus Brixler haben mit den „Platz für Wien“-Sprecherinnen Barbara Laa und Veronika Wirth gesprochen.

DRAHTESEL: Zum Zeitpunkt dieses Interviews Ende Mai haben 11.078 Menschen „Platz für Wien“ mit einer Unterschrift unterstützt. Ist das mehr oder weniger, als ihr erwartet habt?

Barbara: Wir liegen gut im Plan. Unser erklärtes Ziel sind diese 57.255 Unterschriften bis Oktober.

Wie waren die Reaktionen der Menschen auf der Straße?

Veronika: Zum Großteil positiv: Es gibt Leute, die sich vielleicht ein bisschen lustig machen über unsere orangen T-Shirts und fragen, ob wir bei der MA48 sind. Die meisten waren sehr interessiert und wollten entweder gleich unterschreiben oder haben gesagt, sie schauen sich das dann online im Internet an.

Barbara: Mir sind nur zwei Personen untergekommen, die gesagt haben: „Nein, sie möchten diese Forderungen nicht unterstützen.“ Dann wünscht man einen schönen Tag und lässt sich nicht auf Diskussionen ein. Die Energie auf diese paar zu verschwenden, wäre sinnlos. Da geht man lieber zu den Leuten, die ohnehin dafür sind, und sammelt die Unterschriften dort.

In eurer Kampagne finden sich 18 Forderungen, darunter ein durchgängiges Radwegenetz, Tempolimits, sichere Mobilität für Kinder. Das sind Forderungen, die es seit Jahrzehnten gibt. Warum soll Platz für Wien gelingen, was so viele Jahre davor nicht gelungen ist?

Barbara: Ich glaube, dass es unser Vorteil ist, dass wir sehr breit aufgestellt sind. Wir sind sehr unterschiedliche Menschen, die aus unterschiedlichen Bereichen kommen und sich zu diesem gemeinsamen Ziel zusammengefunden haben. Ich denke, wir bilden ab, was derzeit in der Bevölkerung passiert: ein breites Bewusstsein für die Dringlichkeit dieser Maßnahmen.

Veronika: Dazu kommt, dass es nicht nur in Wien allein, sondern in vielen Städten auf der ganzen Welt ähnliche Bewegungen gibt. Das Bewusstsein der Menschen für ein qualitätsvolleres Leben in der Stadt und für mehr Klimafreundlichkeit wächst.

Gibt es für euch irgendwo eine Modell-Stadt, in der die Forderungen von Platz für Wien bereits umgesetzt sind?

Barbara: Nein, unsere Vision ist für Wien, um Wien besser zu machen. Wir wollen nicht wie eine andere Stadt werden. Es gibt natürlich Fahrradstädte in den Niederlanden oder eben Kopenhagen, die schon ein super ausgebautes Radwegnetz haben. Vielfach bestehen dort dann andere Schwächen, etwa beim Fußverkehr oder fehlende Anknüpfungspunkte zu den Öffis.

Wie baut man so eine Kampagne auf?

Barbara: Unsere Arbeit hat im November begonnen. Seither laufen die Vorbereitungen. Rund 50 Personen haben an Planungssitzungen teilgenommen, die nach dem soziokratischen Prinzip organisiert waren und in Arbeitsgruppen spezielle Themen erarbeitet haben. In zwei großen Plenar-Sitzungen haben wir unsere Forderungen mit Konsentprinzip abgestimmt.

Die Coronakrise hat ja den Kampagnenstart beim „ARGUS Bikefestival“ vermasselt, oder?

Veronika: Genau. Da hätten wir sicher viele interessierte Leute erreicht. Es ist anders gekommen, aber ich glaube, auch der Start in den Onlineplattformen hat sehr gut funktioniert und wir haben da sehr gute Mitarbeiter, die das ganz gut können.

Inspiration für „Platz für Wien“ war der äußerst erfolgreiche „Volksentscheid Fahrrad“ in Berlin, der letztlich zum Berliner Radverkehrsgesetz geführt hat. Diese Bewegung war orchestriert vom deutschen Aktivisten Heinrich Strößenreuther, der immer wieder auch deutsche Wahlkämpfe geschickt für die Anliegen genutzt hat. Was habt ihr euch von Berlin abgeschaut und wo liegen die Unterschiede?

Veronika: Der Radentscheid in Berlin hat die Situation der Radfahrenden in den Vordergrund gerückt; wir haben für „Platz für Wien“ ganz bewusst eine breitere Basis gesucht. Weil wir glauben, dass in Wien andere Mängel bestehen und wir wahrscheinlich so auch mehr Unterstützung finden. Sowohl Radfahrende als auch Zufußgehende haben in Wien sehr wenig Fläche zur Verfügung.

Barbara: Die Strategie, eine Kampagne zu machen und Unterschriften zu sammeln, ist sehr ähnlich. Aber die rechtlichen Mittel unterscheiden sich. Wir haben das Instrument einer Petition nach dem Wiener Petitionsgesetz gewählt.

Gibt es bereits Reaktionen der politischen Parteien?

Barbara: Bisher gab es Unterstützendes, aber auch Gegenwind. Wir haben alle Bezirksvorstehungen zum Gespräch eingeladen.

Veronika: Es gibt großes Interesse mancher Bezirkspolitiker und auch auf Gemeinderatsebene, in Gespräche einzutreten. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wer sich wie positioniert.

Die Corona-Krise hat das Verkehrsverhalten vieler Menschen verändert – Menschen fahren weniger mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und mehr mit dem Fahrrad: Was bedeutet das für eure Kampagne und für Verkehrspolitik allgemein?

Barbara: Wir glauben, dass man die Corona-Krise durchaus „nutzen“ kann. Die Menschen bemerken, wie wenig Platz Zufußgehenden und Radfahrenden zur Verfügung steht. Viele sind jetzt auf das Fahrrad umgestiegen und bemerken die Schwächen der Rad-Infrastruktur.

Veronika: Das Augenmerk auf die Aufenthaltsqualität in der unmittelbaren Lebensumgebung ist größer geworden.

Vielleicht noch ganz kurz zum Radverkehr: Glaubt ihr, dass die Leute, die während des Lock-Down aufs Rad umgestiegen sind, dabei bleiben?

Barbara: Vereinzelt vielleicht schon. Aber ich befürchte, dass eine große Anzahl der Leute, die jetzt das Radfahren für sich entdeckt haben, nicht dabei bleiben werden, wenn wir nichts an der Infrastruktur ändern.

Wie kann man „Platz für Wien“ unterstützen?

Veronika: Am besten mit einer Unterschrift online. Man kann die Seiten auf Twitter, Instagram und Facebook auch teilen und weitergeben. Man kann seinen Bekannten und Freunden davon erzählen. Und man kann sich auch anschließen und selber Unterschriften sammeln. Auf platzfuer.wien sind Listen zum Herunterladen verfügbar.

Barbara Laa (links) ist Verkehrswissenschafterin an der TU Wien. Veronika Wirth (rechts) ist Zahnärztin in Ottakring.

Forderungen von „Platz für Wien“ im Überblick

• Attraktive Straßen zum Gehen und Verweilen
• Sichere Mobilität für Kinder
• Durchgängige und sichere Radinfrastruktur
• Sichere Kreuzungen
• Multimodalität durch attraktives Umsteigen

Links

www.platzfuer.wien
www.volksentscheid-fahrrad.de