Er ist wieder da: der Lobautunnel. Verkehrsminister und Straßenbaulobby nennen die Wiener Nordostumfahrung „alternativlos“ – und strapazieren Argumente, die längst nicht mehr Stand von Wissenschaft und Zeit sind.

Kolumne: Barbara Laa

Der Lobautunnel wurde zu Herbstbeginn wieder aus der Versenkung geholt. Verkehrsminister Peter Hanke (SPÖ) will das Projekt – die S1 Nordostumfahrung Wiens – nun doch umsetzen, obwohl es in der vorangegangenen Legislaturperiode als zu umweltschädlich und zu flächenintensiv eingestuft worden war.

Warum das für Radfahrende relevant ist? Allein schon deshalb, weil dafür 2,7 Milliarden Euro vorgesehen sind – während andernorts massiv gekürzt wird: Geld, das unter anderem dem Rad- und öffentlichen Verkehr fehlt. Doch die langfristigen Folgen reichen viel weiter.

Entlastung? Ganz im Gegenteil!

Beim ersten Anlauf für die S1 lautete die Argumentation der Stadt Wien: „Entlastung für Wien, weniger Stau, weniger Durchzugsverkehr.“ Doch sowohl die eigenen Berechnungen der ASFINAG als auch diverse externe Studien zeigen: Diese Entlastung wird nicht eintreten. Neue und hochrangige Straßen in Metropolregionen bauen keinen Stau ab. Im Gegenteil: Sie erzeugen zusätzlichen Verkehr.

Verkehrsinfrastruktur prägt Siedlungsstrukturen und Mobilitätsverhalten. Autobahnen schaffen keine Stadt: Sie fördern Zersiedelung, verlängern Distanzen und machen Menschen wie Betriebe dauerhaft vom Auto abhängig. Das führt zu hohem Bodenverbrauch und lässt sich mit den Klimazielen nicht vereinbaren, kurz: mit dem Erhalt unserer Lebensgrundlagen.

Wohl auch deshalb argumentiert Minister Hanke inzwischen kaum noch mit Entlastung, sondern mit der angeblich durch die Umfahrung, den Tunnel und die „Stadtstraße“ ausgelösten „wirtschaftlichen Dynamik“: Arbeitsplätze, Standortentwicklung, Wachstum. Doch die Dynamik, die Hanke predigt, ist langfristig fatal. Sie entsteht durch jene Strukturen, die das Problem dann noch verstärken: neue Gewerbeflächen, Siedlungsgebiete, Erschließungsstraßen, mehr Güterverkehr.

Mut zur „Stadt der kurzen Wege“

Dabei gibt es eine Alternative: Wien könnte kompakt wachsen – durch Verdichtung, öffentlichen Verkehr und aktive Mobilität. So blieben fruchtbare Felder und Naherholungsräume erhalten, statt – wie nun geplant – Autobahnknoten, Parkplätzen und Logistikzentren weichen zu müssen. Die „Stadt der kurzen Wege“, in der Radfahren selbstverständlich ist, lebt von Nähe: Wohnorte, Arbeitsplätze, Versorgung und Freizeitangebote müssen ohne Auto erreichbar sein.

Der Lobautunnel ist deshalb weit mehr als ein Straßenbauprojekt. Er ist eine räumliche Weichenstellung für die gesamte Ostregion und hat Signalwirkung: Längst überholte Straßenbauvorhaben wie die S34 bei St. Pölten erhalten dadurch wieder Rückenwind.

Somit betrifft der Tunnel alle – besonders jene, die sich nachhaltige Mobilität wünschen: Wenn Milliarden in neue Schnellstraßen fließen, während für den Radverkehr nur Bruchteile davon zur Verfügung stehen, zeigt das klar, welche Zukunft hier gebaut wird – und welche nicht. Baufirmen, Immobilienentwickler und Logistik-Unternehmen profitieren, während alle anderen draufzahlen: mit mehr Verkehr, mehr Lärm, mehr Emissionen und höheren Alltagsdistanzen.

So werden Strukturen geschaffen, die Probleme nicht lösen – sondern einzementieren.

 

Barbara Laa

„Laa und deutlich“

In ihrer Kolumne „Laa und deutlich“ analysiert und kommentiert die TU-Verkehrswissenschaftlerin Barbara Laa Verkehrspolitik und Verkehrsplanung aus Sicht einer Wissenschaftlerin, der eine sozial und ökologisch nachhaltige Zukunft am Herzen liegt.