Das wirklich Grausliche am Herbst-Winter-Radfahren ist meist weniger Nässe von oben, als das, was einem ohne Kotflügel von unten bis um die Ohren fliegt. Wir haben Nachrüst-Schutzbleche getestet.

GATSCHHÜPFER: Jan Killian
FOTOS: Paul Kubalek
Illustration: Johanna Ploch

2 Igel im HerbstObwohl der Mensch zum Großteil – bis zu 70 Prozent – aus Wasser besteht, fühlt man sich nicht in seinem Element, wenn einem das Element in Form von Braunwasser von unten durch die ach so ergonomische Entlastungsöffnung im Sattel bis zur Poperze schießt. Auch nicht lustig: Vorderradwasser samt Dreckpartikel in den Augen.

Das einzige, was da hilft: Der sich seit gefühlt 300 Jahren immer wieder bewährende Kotflügel. Ganz nebenbei: Die Genese dieses Wortes wäre einmal eine eigene, längere Abhandlung wert – oder vielleicht ja auch besser nicht.

Das „gecancelte“ Blech

Merkwürdigerweise findet man diese zuverlässigen H2O-Deflektoren nur bei Hollandrad und Citybike ab Werk so gut wie immer – je hochwertig-sportlicher ein Rad erscheinen soll, umso eher kommt es ohne Schutzblech. Warum also wurde das Kotblech „gecancelt“? War es die ästhetikzerstörende, mit Gemächlichkeit assoziierte, dröge Alltagsoptik? Oder lag es an der Dreifaltigkeit der Damenradschutzblechzersetzung? Also: blechernes Klappern, Schleifen an der Reifenwand und – zu guter Letzt – finales Durchrosten?

Nachrüst-Kotflügel

Form follows function: Bei nassem „Wäääähtter“ ist der trockene Po und der saubere Rücken dann doch wichtiger als der coole Look.

Das vermeintlich coole Weglassen einer funktionierenden und praktischen Alltagslösung, das Negieren des ewig-alten Design-Mantras, wonach die Form der Funktion zu folgen hat, erzeugt jedoch ein – dann, nach Ende der Fahrt – oft im Wortsinn „offensichtliches“ Problem. Ein Problem, das nach Bewältigungsstrategien und -Konzepten sucht. Weil auch der coolste Rad-Styler und die eleganteste Bike-Ästhetin dann eben doch nicht nass und dreckig werden will.

Mit Geschwindigkeitsreduktion und dem Umfahren von Pfützen kommt man zwar auch einigermaßen sauber ans Ziel, aber darüber lässt sich zum einen keine Coverstory für den DRAHTESEL schreiben – und zum anderen bliebe dann die immer größer werdende Produktpalette des Nachrüstwetterschutzes unbeschrieben.

Kampf dem „Schietwedder“

Und das wäre schade. Denn vermutlich findet sich sogar für Kenner und Kennerinnen der Materie hier das eine oder andere Teil, das ihnen noch nicht unterkam. Und das eventuell bei dem, was in Norddeutschland sogar Menschen, die sonst nie plattdeutsch reden, hübsch und bezeichnend „Schietwedder“ nennen, ein echter Gamechanger sein kann.

In diesem Test geht es also um Aufsteckbleche. Wobei tatsächlich kein einziges der getesteten „Bleche“ aus Blech ist: Das Material der Wahl ist heute Plastik, und Schwarz die Farbe der Herbst-Wintersaison 25/26.

Der zweitgrößte Vorteil aller getesteten Produkte ist mit Sicherheit die niederschwellige Möglichkeit, die Teile in der Schönwetterperiode rasch wieder abmontieren zu können. Der erste? Nun, der liegt – hoffentlich – auf der Hand.

Und bevor es hier zur Sache geht, eine kleine Anmerkung, ein „Learning“: Das Rad muss zum Schutzblech passen. Nein, das ist keine Style-Frage: Manchmal ist einfach nicht genug Platz zwischen Gabel und Reifen. Manchmal schleift das Schutzblech am Unterrohr. Kurz: Beim Kauf von Nachrüstsets empfiehlt es sich, das Rad mitzunehmen – und im Shop die Kompatibilität zu überprüfen.

Der Kollateralnutzen: Eine gute Verkäuferin, ein schlauer Verkäufer hilft beim An- und Einsetzen der Schutzbleche. So erspart man sich dann daheim mühsames Gefummel oder nicht immer einfaches Rätselraten beim Lesen von Montageanleitungen.

Testergebnisse

Fotos: Hersteller

SKS „Speed Rocker Set“

SKS „Speed Rocker Set“ Universeller Alleskönner

Im Normalbetrieb bleiben Beine und Rücken sauber – erst im Highspeed-Modus werden die Schuhe ein wenig angespritzt. Für die Montage sollte man etwa 40 Minuten Zeit einkalkulieren, dann aber sitzen die Schutzbleche stabil und auch im Rütteltest wackelfrei, aber doch gut verstellbar. Es sind keine Anbauösen am Rahmen erforderlich: Ein Universalschutzblech für alle Räder mit Scheibenbremsen.

54,99 €
www.sks-germany.com


SKS „Raceblade Pro Set“

SKS „Raceblade Pro Set“Regenabweiser für Vintage-Räder

Das Raceblade von SKS passt auch auf Räder mit „klassischen“ Felgenbremsen. Die „Koterer“ sind gut anpassbar und bieten bei Nässe zuverlässigen Schutz. Im Gatsch kamen ein paar Spritzer durch, beim Rütteltest gab es leichte Berührungen mit dem Hinterrad, die das Fahren aber nicht beeinträchtigten. Das „Aber“? Die Minischrift der Montageanleitung. Entziffert man die, ist der Einbau in 20 Minuten erledigt.

44,99 €
www.sks-germany.com


Zefal „Shield G50“

Zefal „Shield G50“Ruckzuck Montage

Kürzer als seine Mitbewerber wirkt der „Shield“ schnittiger, erhält aber – minimale, noch akzeptable – Abstriche für Stabilität und Schutz. Auf der Rüttelpiste verschob sich ein Abweiser leicht, erfüllte aber weiter seine Aufgabe: Bei Nässe blieb alles trocken, im Lackentest gab es Spritzer bis zur Knöchelhöhe. Dafür dauert die Montage (werkzeuglos!) nur zehn Minuten. Nachjustieren geht nicht, aber es gibt Verlängerungsaufsätze.

44,95 €
www.zefal.com


CONTEC „Classic Exclusiv“

CONTEC „Classic Exclusiv“Die elegante Lederflappe

Der „Classic Exclusiv“ ist eigentlich „nur“ eine Verlängerung des schon vorhandenen Kotflügels – aber auch ein eleganter Lederakzent inmitten der Plastikflut. Um die hübsch polierten Schrauben durchs Plastik zu bekommen, war ein wenig Bastelarbeit nötig. Dafür gewinnt man entscheidende Zentimeter, um die Schuhspitzen zu schützen. Und hat plötzlich ein Quäntchen Hollandrad-Style für den fahrbaren Untersatz.

24,95 €
www.contec-parts.com


CONTEC Spritzschutz „MudBoard“

CONTEC Spritzschutz „MudBoard“Unauffälliger Dreckdeflektor

Ursprünglich als Steinschlag-Schutz vom MTB-Vorderrad entwickelt, schützt das schnell ans Unterrohr geschnallte Mudboard auch einigermaßen vor Dreck – wenn auch nicht ganz: Die Sauce spritzte bis in Kniehöhe. Wer Kotflügel aus Style-Gründen ablehnt, den Carbonrahmen aber dennoch schützen will, sollte zusätzlich in Lackschutzfolie investieren.

12,95 €
www.contec-parts.com


Ass Savers „Mudder Mini“

Ass Savers „Mudder Mini“ Gesichtswahrender Minimalismus

Die Marke Ass Savers ist mittlerweile ein Synonym für Aufsteckschützer, die man in wenigen Sekunden an den Sattel klemmt. Der Firmenname ist Programm. Der „Mini“ ist das Pendant für vorne: der „Face-Saver“. Bei moderatem Tempo und geradem Lenker funktioniert das, bei Vollgas und tiefen Pfützen bekamen Socken und Schuhe einiges ab, auch am Oberkörper gab es „Treffer“. Dafür ist der Mini klein genug für Rucksack oder Radtasche – und jederzeit in Windeseile einsatzbereit.

13,50 €
ass-savers.com


Topeak „Flashfender DF“

Topeak „Flashfender DF“Die Sitzrakete

Der „Flashfender“ ist quasi die stabilere Version des Ass Savers. Statt mit eingefädelten Plastikstreifen wird der Schützer an eine fix ans Sattelgestell montierte Halterung geklickt: Der Hosenboden bleibt sauber und trocken. Im Härtetest bekommen Rücken und Hosenbeine nur kleine Spritzer ab. Praktisches Detail: Die Klick-Halterung kann auch als Halterung einer Satteltasche dieses Herstellers verwendet werden.

17,95 €
www.topeak.com


Wie wir getestet haben

1. Montage
Wie viel Zeit und Geschick mit Werkzeug ist nötig?

2. Rütteltest
Beim „Shakedown“auf Kopfsteinpflaster zeigte sich, was klappert, schleift oder sich vom Rad verabschiedet.

3. Ab ins Nasse
Im Wet-Test mussten sich die Schmutzabweiser auf regennassen Fahrbahnen und Schotter bewähren.

4. All out
Mit Vollgas durch Lacken. Freilich: Mit keinem Produkt blieb trocken, wer im Renntempo durch tiefe Lacken bretterte. Das Wasser spritzte dann am Schutzblech vorbei. Was tun? Beine anziehen!