Schnelle Brille, rasanter Wandel
Nora Stehmann, als „Unicorncycling“ Österreichs bekannteste Bike-Fluencerin, schreibt über Freilandstraßen, Schotterpisten und – manchmal – Stadt-Radwege.
Fotos: Nora Stehmann
Es muss vor etwa 5 Jahren am Donaukanal gewesen sein, als sie mir das erste Mal auffielen: diese Fahrradhosen. Nicht mehr nur in Schwarz und gedeckten Farben, sondern bunt.
Damals: Baby-Kot-Farben. Gepaart mit Trikots mit drei Konsonanten – statt der kleinen Skorpione oder Logos anderer Marken, die bis dahin Rennradfahrer und Rennradfahrerinnen sicher und trocken durch Sommer und Winter gebracht hatten.
Wir hätten es 2017, beim Verkauf der (damals) Bike-Edel-Textilmarke Rapha um 220 Millionen Euro an die Investmentgesellschaft der Walmart-Brüder, zumindest ahnen können: Das einst elitär-sportliche Radfahren ist in einem massiven Wandel – in Richtung Trend-, wenn nicht gar Breitensport. Während der Corona-Epidemie sprachen viele Magazine dann von einem „Rennrad- Hype“. Aber in Wirklichkeit war das erst der – man möchte heute fast sagen: schüchterne – Beginn.
Das Rennrad erreicht „GenZ“

Ob als „Unicorncycling“ oder im Alltag: Radfahren verändert den Blick auf die Welt – und das hilft, sie besser zu machen.
Denn mittlerweile dreht sich auf etlichen, teils tatsächlich großen Influencer-Accounts auf Instagram und TikTok, wo früher Lippenstifte getestet, Modetrends präsentiert oder Bücher empfohlen wurden, alles um „Strava-Stats“, „Girona versus Mallorca“ und zyklusbasiertes Training. Die „schnelle Brille“ ist längst auch im Alltag mindestens so unverzichtba wie die „Adidas Velosamba“, also Schuhe mit einer Aufnahme für Click-Pedale. Und im Hintergrund, im Wohnzimmer, glänzt natürlich immer der eine oder andere Carbonrahmen – natürlich mit gut lesbarem Markennamen.
Kurz: Rennradfahren ist in der Mitte der „Gen Z“ angekommen. Längst werden sogar Autotune-Songs darüber produziert. Anders als zum Beispiel bei Laufevents (etwa dem Frauenlauf) war bei sportlichen Wettbewerben die emotionale „Eintrittshürde“ für viele bewusst hoch gesteckt: „Ich fahre Rennrad, aber nur zum Spaß!“, hieß es daher meist. Doch heute strömen zahllose Amateure und Amateurinnen zu Straßen- und Gravel-Veranstaltungen.
Alte Hasen der Szene (die war früher fast rein männlich) mögen sich hier bestätigt fühlen: „Das sind also wirklich nur Trendbikerinnen und Mode-Cycler – aber doch keine ,echten‘, ernst zu nehmenden Rennradfahrer!“
Perspektiv- und Paradigmenwechsel
Ganz falsch! Denn was zählt, ist jeder und jede mehr, der oder die am R(ennr)ad sitzt: Sie schaffen Bewusstsein. Verändern Verhalten, Wahrnehmung und Blickwinkel: Jede Frau, die das Gefühl kennt, auf der Freilandstraße mit über 100 km/h zu knapp überholt zu werden, und das anprangert, zählt. Jeder Mann, der einmal selbst in dieser Position war und Radfahrende nicht mehr schneidet, abdrängt, beschimpft und nötigt, weil er weiß, dass euphemistisch „Radweg“ genannte fleckerl-asphaltierte Rumpelpisten eine Zumutung sind, macht die Welt besser. Nicht nur auf der Landstraße, auch in der Stadt, im Alltag.
Außerdem: Eventuell kann man ja auch als Routinier und Routinierin etwas von jenen lernen, die mit neuen Perspektiven und Zugängen gerade losfahren: Ohne Leistungsdruck, ohne zu hohe Erwartungen, ja sogar ohne Trainings- und Routenplan lässt sich das Fahrrad mit den nach unten gezogenen Lenkerenden neu entdecken.
Ob die Radhose dabei schwarz oder rosa ist, sollte keine Rolle spielen. Außer man fährt für die Blicke der anderen, anstatt für sich selbst.
