Gravelbikes versprechen, alles zu können. Vor dem Kauf lohnt es sich trotzdem, über die eigenen Prioritäten nachzudenken.

Kaufberatung: Reinhold Seitl, Fotos: KTM.


Ein einziges Fahrrad für alle Einsatzbereiche – das ist die Idee, mit der die Marketingabteilungen der Bikeschmieden Gravelbikes bewerben, den derzeit wichtigsten Trend auf dem Fahrradmarkt. Aber so ganz ohne Spezialisierung geht es dann eben doch nicht, und so finden sich innerhalb der Kategorie „Gravelbike“ sehr unterschiedliche Fahrräder. Wir erklären, was fast alle Gravelbikes eint, welche Unterschiede es gibt – und welches Gravelbike sich für wen eignet.

 

Fürs Fahren auf Schotter wurde das Gravelbike erfunden.

Was zeichnet ein Gravelbike aus?

Rahmen
Die meisten Gravelbikes haben ein recht langes Steuerrohr und einen kurzen Vorbau, das ergibt eine eher aufrechte, komfortable Sitzposition. Der flache Lenkwinkel lässt einen dickeren (Vorder-)Reifen zu und verleiht dem Fahrrad einen stabileren Lauf. Rahmenmaterialien sind Aluminium, Stahl oder Carbon. Der Rahmen hat oft Anschraubpunkte für Schutzbleche, Trinksysteme und Gepäckträger.

Lenker
Die meisten Gravelbikes haben einen Rennlenker (Dropbar), mit dem je nach Fahr- und Terrain-Situationen viele verschiedene Griffpositionen angewandt werden können. Eine STI-Schaltung, also ein kombinierter Brems-Schaltgriff, mit dem man schalten kann, ohne die Hand von der Bremse zu lösen, gehört fix zur Ausstattung eines Gravelbikes. Viele Lenker weisen ein Flare auf, die Untergriffe drehen also etwas nach außen, so dass sich der Lenker im Gelände besser kontrollieren lässt.

Laufräder und Reifen
Die Laufräder von Gravelbikes haben meist eine Größe von 28 Zoll, seltener eine von 27,5 oder 29 Zoll. Die Bereifung spiegelt die drei wesentlichen Nutzungsbereiche der Gravelbikes wider: Gelände, Speed und Komfort. Die Reifen sind 35 bis 45 Millimeter breit – je mehr Grip verlangt wird, desto breiter der Reifen. Moderne Gravel-Reifen haben trotz Geländetauglichkeit nur feine Stollen und einen recht geringen Rollwiderstand. Ein spezifisches (Design-)Merkmal der „Gravels“ sind die Tanwalls, die Reifen mit der hellen Flanke.

Antrieb und Schaltung
In den meisten Gravelbikes ist vorne ein einfaches Kettenblatt mit etwa 40 Zähnen verbaut. Die selbe Anzahl findet sich oft auch als größtes Ritzel hinten. Das Ritzelpaket, also die Kassette, hat in der Regel elf Zahnkränze. Manche Gravelbikes haben auch doppelte Kettenblätter, dadurch werden die Sprünge zwischen den Gängen kleiner, was vor allem auf der Straße Vorteile bringt. Das größte Ritzel hat in diesen Fällen mindestens 32 Zähne. Geschaltet wird manchmal mechanisch (kostengünstig), manchmal elektronisch (teuer).

 

Welches Gravelbike ist das Richtige für mich?

Wald und Hügel
Wer gerne und oft unbefestigte, hügelige Wege befährt und den sportlichen Aspekt des Radfahrens liebt, fragt im Geschäft nach einem geländespezifischen Gravel-Bike. Die Geometrie nähert sich der eines Mountainbikes, hat einen längeren Radstand, einen flachen Lenkwinkel und einen kurzen Vorbau. Gefahren werden moderat breite Reifen ab ca. 35 Millimeter. Die Bremsscheiben sind standardmäßig mindestens 160 Millimeter groß. Gefederte Gabeln und Sattelstützen können den Komfort erhöhen; eine absenkbare Sattelstütze ermöglicht einen tieferen Körperschwerpunkt bei kniffligen Abfahrten. Einige Hersteller (Specialized, Cannondale, Trek) bieten gefederte bzw. gedämpfte Rahmenkonzepte an.

Warum dann nicht gleich ein Mountainbike? Der Rahmen bzw. das Oberrohr eines Gravel-Bikes ist längergestreckt und hat in der Regel einen Rennlenker. Das ergibt eine weiter nach vorne geneigte Sitzposition und eine bessere Straßenperformance.

Beispiele:
Evil Chamois Hagar (Mountainbike-ähnlich)
Fustle Causeway GR1 (sehr langer Radstand)

 

Sanfte Natur
Wer gern Radreisen macht und dabei alle Arten von Terrains befahren möchte, ob geteert, geschottert oder sandig, es aber nicht gar so herausfordernd mag wie der sportliche Typ, der oder die sucht nach einem Genuss(Gravel-)Bike. Die Sitzposition ist hier nur leicht nach vorne geneigt, der Lenker also nur wenig abgesenkt. Das Fahrrad hat Allwetterreifen mit moderater Stolle, über denen Schutzbleche montiert werden können, sowie Aufnahmen für Getränke und Gepäckträger und/oder eine passende Geometrie für ausreichend viele Taschen fürs Bikepacking. Die Übersetzung ist breit abgestuft, damit man auch bergauf entspannt fahren kann. Der Einsatzbereich entspricht dem eines Trekkingbikes, das „Gravel“ ist aber geländetauglicher.

Beispiele:
Fern Chuck Explorer (Bikepacking)
Rondo Bogan (Stahlrahmen)

 

Tempo, Tempo
Ein Race-Gravel ist leicht, für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt, Rahmen und Komponenten berücksichtigen aerodynamische Aspekte. Damit der Luftwiderstand minimiert werden kann, ist auch die Sitzposition flacher als bei anderen Gravelbikes. Die Reifen weisen einen geringen Rollwiderstand auf. Die Komfort-Frage steht nicht im Vordergrund, aber das Rad sollte den Körper auch nicht malträtieren. Dieses Gravelbike ähnelt einem Rennrad, erlaubt aber auch gelegentliche Ausflüge ins Gelände.

Beispiele:
Cervélo Áspero („Rennrad für Schotter“)
Specialized Diverge (schneller Allrounder)

 

Gemütlich durch die Stadt
Natürlich gibt es auch, der Philosophie vom „Rad für alle Fälle“ folgend, Gravel-Bikes für den Einsatz im Alltag, die fürs Einkaufen passen, fürs Pendeln und für Spazierfahrten mit der Familie. Auch hier sind Schutzbleche und Gepäckträger einfach montierbar, eine Lichtanlage ist am besten schon beim Kauf an Bord. Die Sitzposition ist entspannt, statt technischer Besonderheiten und geringem Gewicht sind eine einfache Wartung, Verlässlichkeit und ein günstiger Preis entscheidend.

Der Einsatzbereich entspricht etwa dem eines City-Bikes, aber das Gravel fühlt sich auch auf unbefestigten Wegen wohl – und natürlich: Es ist hipper und lässt sich viel besser mit einem Vollbart kombinieren.

Beispiele:
Felt Breed 20
Kona Libre AL

 

Ohne Schwitzen durchs Gelände
Weniger trainierten Menschen, denen trotzdem der Fahrspaß auf verschiedenen Untergründen und bei unterschiedlichen Geländeprofilen wichtig ist, kann ein E-Gravel-Bike helfen, die Freude auch bei längeren Ausfahrten nicht zu verlieren. Der Spaß hat jedoch seinen Preis. Gerade bei E-Gravelbikes ist auf hohe Qualität zu achten.

Beispiele:
Canyon Grail:ON CF 8 (500 Watt Bosch-Motor)
Look e-765 Gravel (für alle Geländeformen)
Specialized Turbo Creo SL Expert EVO (Leichtbau, für Straße und leichtes Gelände)

 


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