Sie fragen – unsere Expert*innen antworten

„Wie schütze ich mich am besten vor Dooring? Wenn der Radfahr- oder Mehrzweckstreifen komplett in der Dooring-Zone liegt, ist es dann okay, links davon zu fahren?“ Monika Jank, 1160 Wien

 

Die Antworten:

Die Juristin

Lisa Lederer
ist Rechtsanwaltsanwärterin bei Alix Frank Rechtsanwälte

In Österreich gilt ein striktes Rechtsfahrgebot, und zwar auch auf benützungspflichtigen Radfahranlagen. Radelnde müssen also so weit an deren rechten Rand fahren, wie es „unter Bedachtnahme auf die Leichtigkeit und Flüssigkeit des Verkehrs zumutbar“ und ohne eigene Gefährdung, Behinderung anderer oder Beschädigung von Sachen möglich ist.
Fahrzeugtüren dürfen solange nicht geöffnet werden, wie das andere gefährden könnte. Da viele Menschen das missachten, entschied das Verwaltungsgericht Wien, dass das Rechtsfahrgebot nicht zur Selbstgefährdung verpflichtet, und gestand Radfahrenden 1,20 bis 1,80 Meter Seitenabstand zwischen ihren Reifen und längsparkenden Kfz zu.
Nach derzeitiger Rechtslage gilt das allerdings nicht analog für die Benützungspflicht von Radfahranlagen. Sie besteht zwar nur, wenn deren Zustand „eine gefahrlose Benützung gewährleistet“, aber bisherige Urteile dazu behandeln eher Fälle, in denen Radwege zugeparkt, mit Hindernissen verstellt, zugeschneit oder voller Schlaglöcher oder Rollsplitt sind. Zur Benützungspflicht bei Dooring-Gefahr gibt es noch keine Judikatur.
Somit dürfen Radfahrende zum Schutz vor Dooring den linken Rand der Radfahranlage benutzen, sollten aber deren Begrenzung nicht überfahren.

Die Verkehrspsychologin

Christine Chaloupka
ist Verkehrspsychologin und Mitautorin eines Lehrbuchs

Im Straßenverkehr ist es gerade für Radler*innen legitim, den Selbstschutz in den Vordergrund zu stellen. Dabei können und dürfen wir uns nicht darauf verlassen, dass uns die anderen immer im Visier haben.
Öffnen Autolenkerinnen oder Beifahrer ohne vorherigen Spiegel- und Schulterblick ihre Autotür, kann das vorbeifahrende Radler*innen nicht nur erschrecken, sondern auch verletzen oder gar töten. Deshalb halte ich es für sinnvoll, möglichst großen Abstand zu potentiell aufgehenden Autotüren zu halten. Mit gelegentlichen Blicken auf beide Seiten, auch leicht über die linke Schulter, können wir dabei signalisieren, dass wir uns der neben und hinter uns fahrenden Autos bewusst sind und nicht als Verkehrsrowdies agieren.
Zwingt uns die Breite der Straße oder des Radfahrstreifens dazu, knapp an geparkten Autos vorbeizuradeln, sollten wir unser Tempo der Situation anpassen und so langsam fahren, dass wir noch reagieren können, falls tatsächlich jemand direkt vor uns eine Autotüre aufreißt. Den Flow beim Radeln genießen wir dann an einer anderen Stelle wieder.

Der Radlobbyist

Roland Romano
ist Sprecher der Radlobby Österreich

Rund zehn Prozent aller innerstädtischen Radunfälle mit Verletzten gehen auf Dooring zurück. Drei Viertel der Radfahrenden geben an, schon durch eine plötzlich aufgerissene Autotüre gefährdet worden zu sein. Ebenso viele fahren Studien zufolge mit weniger als 75 Zentimetern Abstand an abgestellten Autos vorbei.
Die Radlobby hat 2016 ein Gerichtsurteil erstritten, wonach Radfahrende im Tempo-30-Mischverkehr 1,20 bis 1,80 Meter Abstand zwischen ihren Reifen und längs abgestellten Autos halten dürfen (entspricht ca. 0,80 bis 1,40 Metern Abstand von der Lenkstange aus gemessen). Inwieweit in diesem Kontext auch das Verlassen von Radstreifen zulässig ist, müssen erst Gerichte entscheiden, zum Beispiel nach einer beeinspruchten Verkehrsstrafe.
Um die Dooring-Gefahr generell zu verringern, sind Gesetzesänderungen nötig. Die Benützungspflicht von Radfahranlagen muss aufgehoben, die zulässige Mindestbreite von Radstreifen (derzeit 1,50 Meter) vergrößert werden. Zwischen Radwegen und Parkplätzen ist schon jetzt ein 75 Zentimeter breiter Schutzstreifen verpflichtend, das muss für alle Radverkehrsflächen Vorschrift werden. In Führerschein- und Radkursen müssen Dooring und Überholabstände stärker thematisiert werden.

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Schreiben Sie an radschlag@drahtesel.or.at

 

Weiterführende Infos:

>   radlobby.at/abstand

 

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