Darf man sich schon freuen?
Barbara Laa über das Problem, sich zwischen Jubel und Kritik zu entscheiden, wenn neue Radwege angekündigt werden.
Die Wiener Ringstraße wird endlich umgestaltet. Hurra! Wirklich. Was für ein Erfolg für all jene, die sich seit Jahren – manche seit Jahrzehnten – dafür einsetzen! Die Radlobby, zahllose zivilgesellschaftliche Aktivistinnen und Aktivisten – und (wenige) in Politik und Verwaltung. Für alle, die drangeblieben sind. Und vor allem: Was für ein Gewinn für alle, die in dieser Stadt Rad fahren!
Trotzdem trübt zeitgleich ein zweiter Gedanke die Freude: Kommt das nicht viel zu spät? Warum wird nur auf einer Straßenseite radfreundich umgebaut? Und: Was bedeutet das eigentlich für den Fußverkehr?
Das Yin-Yang-Paradoxon
Wer sich länger mit nachhaltiger Mobilität beschäftigt, kennt dieses Gefühl gut. Diese Gleichzeitigkeit von Freude und Frustration. Von Fortschritt – und dem Wissen, wie viel mehr leicht möglich gewesen wäre. Das betrifft nicht nur den Ring in Wien, sondern sehr viele Projekte in Österreich.
Was ich persönlich von diesem Wechselbad, diesem Yin-Yang der Gefühle halte? Ich kann beiden Zugängen und Reaktionen viel abgewinnen. Der Freude: endlich passiert etwas! Jahrelang erhobene Forderungen werden Realität. Raum wird neu verteilt. Radfahren wird – zumindest abschnittsund schrittweise – sicherer. All das ist wichtig. All das verdient Anerkennung.
Der kleine große Wurf
Dennoch ist da immer auch die wissenschaftliche, fachliche und professionelle Perspektive: Der Blick auf all das, was weiterhin fehlen wird. Auf Kompromisse. Auf verpasste und vergebene Chancen. Auf mutigere, ambitioniertere Ideen, die zwischen politischem Klienteldenken, veralteten Richtlinien und Angst vor dem „Shitstorm“ in sozialen Medien und Boulevard verloren gegangen sind. Der vermeintlich große Wurf wirkt da sehr rasch wieder erstaunlich klein.
Aber nicht nur deshalb fällt mir Kritisieren oft leichter: Der professionelle, fachliche Blick, das Wissen, was anderswo längst „State of the Art“ ist, offenbart sofort, was besser ginge. Auch, weil Ausmaße und Tempo des Klimawandels jeden politisch als „großen Wurf“ bejubelten Fortschritt immer noch als viel zu zögerlich und klein, als „Babysteps“, wirken lassen.
Dennoch glaube ich, dass Feiern wichtig ist. Nicht aus Naivität – sondern weil Veränderung politisch und gesellschaftlich nur funktioniert, wenn Fortschritte sichtbar gemacht und angesprochen werden: Menschen brauchen Rückenwind. Verwaltung braucht Rückhalt. Und Politik reagiert auch darauf, ob Veränderungen Unterstützung bekommen.
Trotzdem: Immer auch loben
Vielleicht geht es also gar nicht um die binäre Frage, sich zwischen Jubel und Kritik entscheiden zu müssen: Es braucht beides. Das sichtbare Feiern – und die ehrliche fachliche Kritik. Den Jubel – aber auch die Diskussion über Details und Versäumnisse.
Die Anerkennung für kleine Schritte – aber eben auch den Hinweis darauf, dass ein einzelner Radweg noch keine Verkehrswende ist.
Und, ganz klar, natürlich ist es sinnvoll, Art und Zeitpunkt der Reaktionen richtig zu takten: Frühes, laut artikuliertes Lob kann helfen, Projekte überhaupt erst möglich zu machen. Detaillierte Kritik später kann dafür sorgen, dass nachjustiert und besser umgesetzt wird. Und: Nicht alle Diskussionen müssen oder sollen gleichzeitig geführt werden.
Kurz: Eine einfache Antwort habe ich nicht. Aber vielleicht ist ja genau diese Ambivalenz ein Fortschritt: Denn lange Zeit gab es in der Verkehrspolitik schlicht und einfach gar keinen Anlass, die Frage, „Frust oder Freude?“ überhaupt zu stellen.
„Laa und deutlich“

In ihrer Kolumne „Laa und deutlich“ analysiert und kommentiert die TU-Verkehrswissenschaftlerin Barbara Laa Verkehrspolitik und Verkehrsplanung aus Sicht einer Wissenschaftlerin, der eine sozial und ökologisch nachhaltige Zukunft am Herzen liegt.
