Aggression im Straßenverkehr bemerken viele Menschen. Doch wie kann man mit der Wut gut umgehen? Wie mit aggressiven anderen Verkehrsteilnehmern? Und – wenn man einmal so richtig wütend ist – wohin lenken wir diese negative Energie? Matthias Bernold und Magda Jöchler haben mit der Wiener Verkehrspsychologin Bettina Schützhofer gesprochen.

DRAHTESEL: Wenn man im Straßenverkehr unterwegs ist, bekommt man bald den Eindruck, Aggression ist ein alltägliches Problem. Lässt sich diese Wahrnehmung durch Statistiken bestätigen?

Bettina Schützhofer: Es gibt leider wenig offizielle Zahlen. Aggression im Straßenverkehr ist wissenschaftlich nicht gut untersucht. Das liegt auch daran, dass die Definition schwierig ist. Die verkehrspsychologische Definition von Aggression im Straßenverkehr meint ein Verhalten, das jemanden schädigt, dass die Schädigung bewusst in Kauf genommen wird oder absichtlich intendiert wird und dass der andere mit der Schädigung nicht einverstanden ist. Wenn Verkehrsteilnehmende Aggression im Straßenverkehr beobachten, meinen sie oft etwas anderes.

Und den Vogel zeigen oder andere zu beschimpfen, wäre dieser Definition nach noch keine Aggression im Straßenverkehr?
Doch. Auch mit einer Beleidigung schädige ich den anderen. Man unterscheidet zwischen instrumenteller und affektiver Aggression. Bei instrumenteller Aggression geht es um das eigene Vorankommen: Drängeln oder bei Rot fahren zum Beispiel. Bei affektiver Aggression wird Ärger ausgelebt. Durch Vogel zeigen, Schimpfen und Fluchen.

Wissenschaftliche Studien gibt es dazu keine?
Es gibt wissenschaftliche Studien, aber in den einzelnen Studien wird Aggression unterschiedlich definiert. Es gibt eine Studie der US-amerikanischen Automobilgesellschaft, die sagt, bei 50 Prozent aller tödlichen Unfälle spielt Aggression eine Rolle. Dann gibt es eine Schätzung der Schweizer Beratungsstelle für Unfallverhütung, die sagt, fünf bis zehn Prozent aller Schweizer Unfälle stehen im Zusammenhang mit einem Aggressionsdelikt. Da sieht man, wie groß die Bandbreite ist. Es gibt Studien, die auch methodisch sehr gut und sauber sind, zum Beispiel eine von der Deutschen Bundesanstalt für Straßenwesen, aber die bezieht sich ganz stark auf Autobahnen.

Hin und wieder gibt es Handgreiflichkeiten bis hin zum Waffengebrauch. Wie oft mündet Aggression in physische Gewalt?
Es gibt auch darüber keine offizielle Statistik. Wir haben immer wieder damit zu tun, weil bei solchen Delikten auch der Führerschein entzogen wird. Wenn die Betroffenen die Haftstrafe abgebüßt haben, wollen sie sehr oft den Führerschein zurück. Ich bin jetzt seit 21 Jahren als Verkehrspsychologin tätig und erinnere mich an eine Handvoll solcher Fälle.

Was war der brutalste Fall, mit dem Sie es je zu tun hatten?
Der hatte mit zwei Autofahrern zu tun. Einer hat den anderen geschnitten, wodurch sich der andere extrem provoziert gefühlt hat. Er fährt ihm nach. Beide bleiben stehen, und der eine ersticht den anderen mit einem Messer am Fahrbahnrand. Der Täter war auch nach der Haftstrafe wenig schuldbewusst und hat das sehr neutral erzählt. Das Delikt hat deutlich gezeigt, dass es da massive Probleme in der Selbst- und Impulskontrolle gibt. In dem Fall war die Fahreignung letztlich nicht gegeben.

Wenn jemand im Straßenverkehr aggressiv ist, ist er es dann auch in anderen Bereichen?
Ja. Auch wenn Aggression im Straßenverkehr nicht so gut untersucht ist wie Aggression in der Gesamtgesellschaft, weiß man, dass diejenigen, die mit Aggressionsdelikten im Straßenverkehr auffällig werden, auch in anderen Lebensbereichen mehr Strafen haben. Aggression im Straßenverkehr korreliert außerdem mit anderen Verkehrsdelikten und auch mit Unfällen.

Gibt es Personengruppen, die aggressiver sind als andere?
Es gibt Studien, die klar belegen, dass mehr Männer als Frauen aggressive Verhaltensweisen im Straßenverkehr zeigen. Aggression im Straßenverkehr nimmt mit zunehmendem Alter ab. Das heißt, Aggression im Straßenverkehr wird vorrangig von jüngeren Männern gezeigt. Umgebungsfaktoren spielen eine große Rolle, aber auch die Persönlichkeit: Je höher meine Ärgerneigung grundsätzlich ist, desto mehr aggressive Verhaltensweisen werden üblicherweise gezeigt.

Welche Rolle spielt die eigene Erwartungshaltung?
Die eigene Haltung macht schon viel aus. Wenn ich grundsätzlich davon ausgehe, der andere will mir nichts Böses, dann bin ich natürlich ganz anders unterwegs, als wenn ich anderen unterstelle, sie möchten mich übervorteilen oder in meinen Rechten beschneiden. Etwas, das mir immer wieder auffällt, ist, dass viele Fahrfehler – egal ob mit dem Rad oder mit dem Motorrad oder mit dem Auto oder Lkw – auf Unwissenheit basieren. Wenn wir jetzt Überholvorgänge zwischen Rad- und AutofahrerInnen ansprechen: viele Autofahrende wissen nicht, wie breit 1,5 Meter Sicherheitsabstand sind. Viele sind auch unachtsam: auf den toten Winkel achten und den Schulterblick machen, ist nicht immer Alltagsroutine.

Haben Sie den Eindruck, dass der Verkehrsalltag heute weniger aggressiv ist oder aggressiver als vor zwanzig Jahren?
Es gibt dazu keine offiziellen belastbaren Zahlen. Ich lebe im 7. Bezirk und bin mit meinen Hund sehr viel zu Fuß unterwegs. Mein persönlicher Eindruck ist, dass sich in den letzten Jahren viel zum Positiven verändert hat. Professor Klebelsberg, der die Verkehrspsychologie in Österreich begründet hat, hat den sehr klugen Satz gesagt, dass Verkehrsverhalten die maßstabsgetreue Verkleinerung des gesamtgesellschaftlichen Verhaltens ist. Wenn die Aggressivität oder die Aggressionsneigung einer Gesellschaft steigt, dann steigt auch die Anzahl der aggressiven Delikte im Straßenverkehr. Wir sind jetzt mitten in einer Pandemie. In einer Krise, wo es viel Unsicherheit gibt, wo man noch nicht weiß, wie es weitergeht, wie man sich verhalten soll. Das heißt, der Stress ist hoch. Und Stress triggert die Aggressionsneigung.

Der Philosoph Günther Anders hat den Gedanken geprägt, dass die verwendete Technologie unser Denken bestimmt. Wenn wir ins Auto steigen, übernehmen wir also die Logik des Automobils, wenn wir aufs Rad steigen, die des Fahrrades. Dem folgend, gibt es bestimmte Verkehrsmittel, die Aggression möglicherweise befördern, etwa weil sie höhere Geschwindigkeiten zulassen oder einen Schutzpanzer bieten?
Ich kenne keine Studie, die nach Mobilitätsart differenziert hat. Ich würde nicht so weit gehen, dass das Auto den Fahrer entmenschlicht. Was aber sehr wohl im Fahrzeug passiert ist: dass man sich anonymer fühlt und dass dadurch manchmal soziale Regeln, die im Alltag gelten, im Fahrzeug ausgesetzt werden. Was man auch beobachten kann ist, dass mit dem Fahrzeug – und das ist durchaus auch das Rad – Bedürfnisse ausgelebt werden, die man vielleicht in anderen Lebensbereichen nicht ausleben kann. Es gibt auch die Theorie, dass Stress im Job im Straßenverkehr ausgelebt wird. Das ist aber wohl unabhängig davon, ob ich mit dem Auto oder mit dem Rad fahre oder zu Fuß unterwegs bin. Das Auto ist halt momentan noch dominant in unserem Straßenbild.

Haben Sie in Ihrer beruflichen Erfahrung auch viel zu tun mit aggressiven Radfahrern?
Natürlich gibt es Konflikte zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmenden. Gerade dort, wo begrenzter Raum von verschiedenen Verkehrsarten benutzt wird. Aggressive Zufußgehende oder aggressive Radfahrende hatte ich noch nicht, außer in Kombination mit einer psychischen Erkrankung, und dann war die Fragestellung, weil sie auch einen Pkw-Führerschein hatten, ob die gesundheitlichen Eignung im Sinne der Fahreignung hinreichend gegeben ist.

Wie lassen sich Konflikte im Straßenverkehr verhindern?
Ich denke, es muss sich jeder von uns an der Nase nehmen und immer wieder versuchen, die Perspektive zu wechseln. Je mehr Leute multimodal – also mit dem Pkw, Fahrrad und Öffis – unterwegs sind, desto besser. Das verbessert das Verständnis für die anderen. Vielleicht wäre eine Bewusstseinskampagne gut, die diesen Perspektivenwechsel einfordert.

Welche Maßnahmen im Straßenraum senken das Level der Aggressivität bzw. erhöhen die Toleranz im Umgang miteinander?
Ich würde empfehlen, dass man Infrastrukturstellen, wo vermehrt über Verkehrskonflikte und aggressive Handlungen geklagt wird, interdisziplinär untersucht und schaut, wie sich diese Stellen durch bessere Planung entschärfen lassen. Außerdem stellt sich die Frage: Kann man dort gezielt informieren und Bewusstseinskampagnen machen? Was gibt es an partizipativen Prozessen mit allen Beteiligten? Der Raum in der Stadt ist eng. Man wird nicht für jeden so viel Raum auftreiben können, wie er gerne hätte. Aber vielleicht kann man Routen verlegen. Vielleicht kann man gemeinsam Verhaltensregeln entwerfen und für geteilte Räume festlegen.

Was halten Sie von Pop-Up-Radwegen?
Ich bin der Meinung, dass sie funktionieren können. Man muss nur aufpassen, wie man sie begleitet und einführt. Ein wichtiger Punkt ist informieren und die Leute ins Boot holen. Vielleicht auch vorher schauen, zu welchen Zeiten man solche Maßnahmen einführt. Ich denke, die Corona-Zeit ist extrem ungünstig, um alte Gewohnheiten zu durchbrechen, weil sich rundherum ohnehin so viel ändert. Veränderung ist für uns Menschen immer schwer. Wenn ich vielleicht ohnehin schon die Arbeit verloren habe, mein Partner in Kurzarbeit ist und die Kinder im Home-Schooling, steigt der Unmut extrem, wenn ich jetzt auch noch beim Weg zum Supermarkt eine für mich unbequeme Veränderung in Kauf nehmen muss.

Sollten wir in Österreich die Strafen für aggressives und gefährliches Verhalten im Straßenverkehr verschärfen? In der Schweiz zum Beispiel nehmen die Behörden Raserinnen und Rasern die Fahrzeuge weg…
Aus psychologischer Sicht bewirken Strafen die Einhaltung von Regeln nur dann, wenn gründlich überwacht wird und wenn die Strafen von Bewusstseinsbildung und Informationskampagnen begleitet werden. Demgegenüber wirken Regeln auch ohne Sanktion, wenn sie akzeptiert werden. Mittlerweile ist die Mehrheit der Autofahrenden überzeugt, dass Alkohol im Straßenverkehr keinen Platz hat. Vor 20 Jahren war das ein Kavaliersdelikt. Bei Geschwindigkeit muss man noch deutlich nachschärfen. Man muss versuchen, die Verkehrskultur zu verändern. Das betrifft übrigens auch das Miteinander zwischen Verkehrsteilnehmenden zu Fuß, im Auto oder auf der Fahrrad: Das braucht Zeit.

Leider ereignen sich immer wieder tödliche Unfälle. Jedes Jahr werden Kinder auf Schutzwegen von unaufmerksamen Kfz-Lenkenden getötet. Wie lange wollen wir noch warten, bis endlich keine Menschen mehr im Straßenverkehr sterben? Reicht es wirklich aus, geduldig an der Verkehrskultur zu arbeiten?
Es braucht einen Maßnahmenmix und es braucht den Willen von jedem Einzelnen. Wenn man sich die Unfallursachen anschaut, sieht man, bei Fußgängerunfällen, Radfahrunfällen und auch bei Unfällen im motorisierten Straßenverkehr, dass Unaufmerksamkeit und Ablenkung als Unfallursache ganz weit vorne sind.

Laut Verkehrsstatistik ist vor allem Tempo die häufigste Unfallursache… Von strengeren Strafen für Raserinnen und Raser halten Sie aber nichts?
Ich bin nicht für strengere Strafen. Ich würde sagen, Strafen ja, aber in Kombination mit Bewusstseinsbildung und Information. Und je dichter die Überwachung und je besser Informationsvermittlung und Bewusstseinsbildung, desto besser klappt das auch. Wenn die Strafe zu hoch ist, hat das überhaupt keinen Effekt auf die Verkehrssicherheit, wenn nicht die anderen Dinge beachtet werden. Das Beschlagnehmen von Fahrzeugen wie in der Schweiz oder in Italien, wo es das für alkoholisiert Autofahrende gibt, wirft Probleme auf. Was ist mit den Dienstwägen? Was ist, wenn jemand mit dem Auto vom Papa unterwegs ist? Aus psychologischer Sicht sind Nachschulungen zweckmäßiger.

Jetzt kennt das vermutlich jeder Mensch, dass im Straßenverkehr gelegentlich negative Gefühle auftauchen. Wie geht man mit der Wut um?
Alles, was die Wut kanalisiert, so dass man nicht wie ein Kochtopf übergeht, ist gut. Der einfachste Tipp, der ganz banal ist, ist tief Luft holen. Wenn Sie wirklich tief in den Bauch atmen, können Sie gar nicht mehr wütend sein. Ein Tipp, der auch immer ganz gut funktioniert ist, langsam bis zehn zu zählen, bevor man wirklich schimpft, flucht oder etwas tut, was einem nachher leid tut. Zeit gewinnen, der Wut auch die Möglichkeit geben, zu verrauchen und einfach einen geschützten Bereich suchen – das kann Sport sein oder ein Spaziergang, oder künstlerische Aktivität.

Diese Tipps geben Sie wahrscheinlich auch in den psychologischen Nachschulungen?
Da gibt es noch mehr, weil wir uns die Verhaltensketten anschauen. Was ist dem aggressiven Verhalten vorausgegangen? Wie war der Tag? Was war der Auslöser? Kann man das auch anders bewerten? Manchmal fühlt man sich ja auch von jemandem angegriffen, ohne dass der andere das so gemeint hat. Es gibt ja auch Missverständnisse. Das wird analysiert und dann werden die Konsequenzen besprochen – die kurzfristigen, die langfristigen. Und dann auch die Alternativen.

Die ungekürzte, nicht-redigierte Audio-Fassung des Interviews können Sie im Fahrrad-Podcast Reich durch Radeln nachhören.

Dr. Bettina Schützhofer ist Verkehrspsychologin und hat ihr eigenes Institut sicherunterwegs.at. Sie ist Sachverständige für Verkehrspsychologie und leitet verkehrspsychologische Nachschulungen für Menschen, die schwere Verkehrsdelikte begangen haben. Ihr eigenes Verkehrsverhalten bezeichnet sie als multimodal, auch wenn sie – wie sie sagt – nur selten im Alltag mit dem Fahrrad unterwegs ist.

Stichwort Verkehrspsychologie

Die Verkehrspsychologie beschäftigt sich mit dem Erleben und dem Verhalten der Menschen im Straßenverkehr. Die Tätigkeiten der Verkehrspsychologen umfassen Verkehrserziehung im Kindergarten und in der Volksschule, Fahrausbildung und Fitness-Checks für ältere Menschen. Schließlich stellen Verkehrspsychologen nach schweren Verkehrsdelikten die Fahreignung von Gesetzesbrechenden fest. Untersucht wird unter anderem wie emotional stabil jemand ist, wie selbstkontrolliert, wie regel- und normenbewusst.