Alles auf Schiene? Das Rad fährt Bahn
In der Theorie sind Bahn und Fahrrad das Dreamteam der Verkehrswende. Doch die Radmitnahme in Zügen ist tatsächlich oft eher komplex, kompliziert – oder unmöglich. Ein DRAHTESEL-Überblick: damit der Rail- & Roadtrip auch gelingt.
ZUGBEGLEITER: Philipp Schober
ILLUSTRATIONEN: Jonas Kalmbach
„Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.“ Auch wenn Matthias Claudius 1775 in seinem Gedicht „Der Urian“ vergaß, Frauen mit einzubeziehen: Sein geflügeltes Wort stimmt bis heute. Obwohl sich das Reisen seither grundlegend verändert hat: 1804 rollte die erste Dampflok, 1825 der erste öffentliche Eisenbahnzug, über Schienen. Zu erzählen gibt es dazu viel – aber noch mehr, seit Menschen versuchen, Fahrräder mit auf Reisen zu nehmen: Da kann man oft schon eine Menge erzählen, bevor es losgeht.
Egal ob beim Bikepacking, beim Reisen mit Mountainbike oder Rennrad oder nur für den kurzen Weg zum Strand: Im Urlaub möchten immer mehr Menschen nicht auf das Rad verzichten.
Doch die Radmitnahme ist in Zügen oft kompliziert. Unterschiedliche Bahnunternehmen, verschiedene Wagenausstattungen, die Wahl von Nah- oder Fernverkehr, Ticketing und Reservierungspflichten – es gibt da eine Unzahl von Faktoren, die es immer wieder spannend machen: Wird die Reise zum Genuss – oder doch eher eine mühsame Odyssee. Der DRAHTESEL hat versucht, einige der wichtigsten Knackpunkte des Rad-Reisens mit der Bahn aufzuschlüsseln – aber vermutlich, sicher sogar, ist diese Liste nicht vollständig.
Ausgebucht, überfüllt, verspätet
Bahn- und Radfahren liegt im Trend. Toll – aber eben auch ein zweischneidiges Schwert. Erst recht im Sommer, wenn alle im Zug zusammenkommen: Alltagspendlerinnen und -pendler, Wochenendausflugsfamilien und Touristengruppen – mit und ohne Rad. Das Problem ist da nie der oder die Einzelne – sondern die Menge: Exakt 206.898 Fahrräder wurden im Jahr 2023 mit Zügen der ÖBB transportiert. 2024 waren es dann um sechs Prozent mehr: 219.312. Zahlen für 2025 liegen noch nicht vor.
Eng wird es da aber nicht nur mitunter im Zug selbst, sondern auch auf den Schienen. Der im Dezember feierlich eröffnete Koralmtunnel (er verbindet Graz mit Klagenfurt) etwa ist da ebenso ein Nadelöhr wie der Arlbergtunnel. Nur der schnelle Fernverkehr und Guterzüge dürfen hier durch – langsamere Regionalzüge sind nicht zugelassen. Was auf den ersten Blick noch ein Vorteil (schnellere Züge!) klingt, wird mit Rad und spontaner Reiselust zum Boomerang: Ohne Reservierung kommt man mit dem Rad nämlich nicht in Railjet & Co. – und Rad-Plätze sind oft Monate im Voraus ausgebucht.
Dabei schreibt eine EU-Verordnung seit Juni 2025 vor, dass neue oder generalüberholte Fernzüge mindestens vier Radplätze haben müssen. Klingt toll: Erstmals gibt es klare Mindeststandards. Doch der kurz darauf veröffentlichte „Cyclists Love Trains“-Report der „European Cyclists’ Federation“ sprach dann ernüchternd Klartext: 67 europäische Fernbahnen wurden da bewertet. Und der Durchschnittswert lag – erraten – exakt bei vier Fahrradplätzen, also dem Minimalwert.
Die Top-Platzierten waren Belgien, die Schweiz und Ungarn. Österreich liegt gerade noch im guten Mittelfeld. Spanien und Schweden sind die Schlusslichter.
Aber klar: Vier Plätze sind besser als gar keine. Aber eben doch zu wenig, um der rasant wachsenden Nachfrage gerecht zu werden.
Fahrrad ist nicht gleich Fahrrad
Um dann mit dem Rad zu reisen, muss meist zunächst das Rad verreisen. Was einfach klingt, wird rasch komplex. Manche Fahrradtypen sind nämlich generell von der Mitnahme in Zügen ausgeschlossen: Tandems, Liege- oder Transporträder etwa. „Aus Sicherheitsgründen“ heißt es bei der Westbahn.
Bei der ÖBB können Spezialräder immerhin nur in speziellen Gepäckabteilen transportiert werden. So es sie denn gibt. Dafür sind eigene Reservierungen notwendig. Bloß: Die gibt es nur an ÖBB-Ticketschaltern oder telefonisch – online geht das nicht. Fahrradanhänger? In Nahverkehrszügen mit Mehrzweckabteilen ein Glücksspiel: Was „bei genügend Platz“ genau bedeutet, entscheidet das Zug-Team nämlich erst vor Ort.
Im Fernverkehr: Reservieren
Für die Fahrradmitnahme im Fernverkehr der ÖBB ist aufgrund der begrenzten Stellplatzanzahl eine – kostenpflichtige – Reservierung erforderlich. In den ÖBB-Railjets gibt es derzeit zwischen fünf und sieben Fahrradhaken. Um diese zu erreichen, gilt es, sportlich und geschickt zu sein: In den Zug kommt man nur über steile Stufen – der Weg zu den Haken ist verwinkelt und eng. Und die Räder hängen dichter als dicht aneinander: Das ist sogar für fitte Bikepacker und -innen eine Herausforderung. Für ältere Menschen – gar mit schweren E-Bikes – ist das alleine fast nicht zu schaffen.
Bei der Westbahn gibt es dagegen einfachen Einstieg über breite Türen in Niederflur-Zügen. Das hilft auch, die Ein- und Ausstiegszeiten kurz zu halten. In den Doppelstock-Zügen der Weststrecke gibt es pro Zug 18 Fahrradstellplätze – 16 sind vorab reservierbar. Die Westbahnzüge nach Süden haben sieben Radplätze – im Winter nur vier.
Fahrrad-Stau

„Voll“ ist untertrieben: Fahrradtetris an einem Sonntagnachmittag am Weg vom Neusiedlersee nach Wien. (Foto: Philipp Schober)
So verständlich die Reservierungspflicht aus Unternehmenssicht ist, schafft sie doch Probleme: Fällt ein Zug aus, oder versäumt man aufgrund einer Verspätung den nächsten, wird die Weiterreise problematisch. Ist im Folgezug kein Fahrradstellplatz frei, heißt es, auf Regionalzüge umsteigen. Was aber, wenn man durch einen der „schnellen“ Tunnel muss?
Glücksspiel im Nahverkehr
Grundsätzlich gilt aber: Im ÖBB-Nahverkehr geht es sich (meistens – dazu später mehr) irgendwie aus. Anders sieht es aber aus, sobald Privatbahnen oder Busse mit im Spiel sind. Da gelten wieder eigene, oft sehr unterschiedliche Regeln – abhängig von Verkehrsverbund, Busanbieter oder Buslinie. Selbiges gilt für den Stadtverkehr.
ÖBB-Nahverkehrszüge haben fast immer Mehrzweckabteile. Meist sind sie im ersten und letzten Waggon. Fahrräder werden dort vergurtet, oder (selten) am Haken transportiert. Reservierung braucht das Rad hier keine – ein Ticket aber sehr wohl. Die Fahrradmitnahme erfolgt „nach Maßgabe des vorhandenen Platzes“, doch die Entscheidung, ob Platz genug ist, trifft – ausschließlich – der Zugbegleiter oder die Zugbegleiterin.
Vorbild Vorarlberg
In Vorarlberg sind seit 2023 Nahverkehrszüge mit mehr Platz in den Mehrzweckbereichen unterwegs. Hier haben – abhängig auch von Kinderwagen oder Großgepäck – bis zu 31 Fahrräder Platz. Nach Kopenhagener Vorbild werden die Räder bei der einen Tür hinein, bei einer anderen beim Aussteigen wieder hinausgeschoben. Die Bauweise ist „modular“: Im Winter gibt es mehr Sitzplatzreihen – im Sommer kann man sogar bis auf 39 Radplätze erweitern.
Damit sind aber die Grenzen des modularen Fuhrparkmanagements schon ausgereizt: Früher konnte man bei Bedarf einfach weitere Waggons anhängen – heute geht das aber nicht mehr. Moderne Fernverkehrszüge können nicht einfach verlängert werden. Außerdem gibt in vielen Bahnhöfen die Bahnsteiglänge die maximal mögliche Zuglänge vor, bedauern die ÖBB. Hinzu kommt: Züge „umstellen“ ist logistisch aufwändig – und der Rad-Platzbedarf oft auch stark tageszeitabhängig.
Der beschwerliche Weg zum Gleis
Logistisch herausfordernd ist die Rad-Mitnahme oft aber auch für die Fahrgäste: Viele Bahnhöfe haben immer noch keine – oder zu kleine – Aufzüge. Was Reisende mit Kinderwagen, Rollstühlen oder anderen Einschränkungen gut kennen, ist für „fitte“ Radreisende oft ein „Aha“-Erlebnis. Dass der Platz in Mehrzweckabteilen zuerst Kinderwägen und Rollstühlen zusteht, sei „klar und auch verständlich“, betont Radlobby-Bahnbeauftragter Wilhelm Grabmayr. Problematisch sei aber, „dass durch die Kombination von knappen Kapazitäten und dieser Prioritätenreihung oft Reisende gegeneinander ausgespielt werden.“
Endstation Schienenersatz
Manchmal heißt es aber auch bei – theoretisch – genügend Platz am Zug „Endstation“. Bei Schienenersatzverkehr nämlich. „Insbesondere bei länger geplantem Schienenersatzverkehr, etwa bei zeitlich länger dauernde Baustellen, sollte es allerdings möglich sein, dass Fahrräder mitgenommen werden,“ fordert Robert Kermer, aus der Bahn-Rad-Arbeitsgruppe der Radlobby, Busse mit Fahrradträgern auszustatten, sei keine Raketenwissenschaft – das schaffen Fernbusunternehmen wie Flixbus schon lange, weiß Kermer.
Auch in vielen Tourismusregionen in Vorarlberg und Tirol, ja sogar auf einigen Bussen in Innsbruck, ist die Rad-Mitnahme auf manchen Linien möglich: Statt Skiträgern gibt es Fahrradträger am Heck.
Geht immer: Faltrad
Einen Plan B gibt es aber auch: Falträder. Um sie – zusammengeklappt und als reguläres Handgepäck – mitzuführen, braucht man, dank intensiver Radlobby-Interventionen, in Österreich dafür keine geschlossenen Taschen oder Säcke: Was beim Alltagspendeln schon lange Trend ist, setzt sich immer mehr auch bei Radreisenden durch.
Die Radlobby-Forderungen
Das zentrale Problem vom Rad am Zug sind für die beiden Radlobby-Experten Grabmayr und Kermer vor allem die fehlenden oder zu geringen Kapazitäten. Der europäische Mindeststandard von vier Rädern pro Fernzug reiche längst nicht mehr: „Zehn wäre die Untergrenze,“ so Robert Kermer.
Darüber hinaus wären bundesweit einheitliche Regeln und Standards wünschenswert: Derzeit, so die Radlobby-Experten, wird die Radmitnahme von jedem Verkehrsverbund nach eigenem Gutdünken gehandhabt. Grabmayr: „Das macht das Reisen mit dem Rad für die Kundinnen und Kunden maximal unübersichtlich.“
Die Kombination aus Bahn und Rad, betonen die beiden Eisenbahn-Experten, ist einer der Schlüssel für klimafreundliche Mobilität. In der Theorie, so Grabmayr und Kermer, sei das bei Politik und Bahn-Unternehmen zwar schon angekommen – im Reise-Alltag aber oft noch nicht.
Um den Schwung des Bahn-Rad-Booms optimal zu nutzen, weiß Grabmayr, brauche es vor allem eines: „Vereinfachung und Niederschwelligkeit: Je einfacher die Kombination von Rad und Bahn wird, desto mehr Menschen nutzen sie.“
Tipps fürs Reisen mit Fahrrad & Bahn
Azyklisch Reisen: Hauptverkehrszeiten vermeiden – wenn es möglich ist, Alternativen zu Wochenenden, Feiertagen, Schulferienzeiten suchen. Am Mittwoch losfahren – und heimkommen – ist schlauer. Weniger Reiseverkehr heißt: weniger Verspätung, weniger Überfüllung, mehr Platz für Mensch & Rad.
Früh planen: Wer später bucht, geht oft leer aus – oder zahlt mehr. Ticketbuchung und Reservierung sind bei den ÖBB sechs Monate im Voraus möglich.
Online sind Tickets günstiger als an Automat und Schalter. Mindestens 30 Minuten
Umsteigepuffer einplanen: Mit Rad und Gepäck braucht man länger. Bahnsteigwechsel, defekte oder überfüllte Aufzüge sind Zeitfresser.
Das Faltrad ist der Joker schlechthin: Zusammengelegte Falträder (max. 90 x 60 x 40 cm) sind kostenfreies Handgepäck.
Ratgeber Radmitnahme in Zügen
https://www.radlobby.at/radmitnahme-in-zuegen
Radlobby-Strategie für Bahn & Rad
https://www.radlobby.at/bahnundrad
