Wie die ÖBB Radfahrenden das Leben schwer (und teuer) machen 

Die Radmitnahme im Zug wurde durch die ÖBB-Tarifreform 2014 für Fahrgäste mit Vorteilscard empfindlich verteuert. Und das Aushängeschild der ÖBB, der Railjet, nimmt immer noch keine Fahrräder mit. Dafür wurde der Radlobby nun Abhilfe bis 2016 zugesagt.

Rund 300.000 Fahrgäste nutzten im Jahr 2012 laut ÖBB die Möglichkeit, ihr Fahrrad im Zug mitzunehmen. Zum Nachteil dieser nicht zu vernachläs- sigenden Kundengruppe wurden die Rad-Tarife durch die ÖBB teilweise erhöht, indem die Fahrradmitnahme jetzt entfernungsabhängig 10 Prozent eines Vollpreis-Personentickets auf der Mitnahmestrecke kostet, mindestens jedoch 2 Euro. Dazu kommt in Fernzü- gen die neue verpflichtende Reservierungsgebühr von 3 Euro (online) bzw. 3,50 Euro am Schalter, wodurch auch auf kurzen Strecken im Fernverkehr jedenfalls 5 Euro zu bezahlen sind.

Dauerkarten

Fahrrad-Wochenkarten und Fahrrad-Monatskarten gibt es weiterhin, allerdings als Streckenkarten mit gestaffelten Preisen. Die Wochenkarte kostet mindestens 8 Euro, die Monatskarte mindestens 20 Euro. Ab etwa 100 Kilometer steigen auch hier die Preise distanzabhängig: z.B. Wien – Salzburg: 10,70 Euro (Wochenkarte) bzw. 37,50 Euro (Monatskarte). In Fernzügen muss auch mit Wochen- und Monatskarten für jede Fahrt reserviert und Reservierungsgebühr bezahlt werden.

Große Verlierer Vorteilscard­Kunden

Mit der Tarifänderung vom Jänner 2014 wurde auch die Regio-Biking-Tageskarte für Regionalzüge (bisher 5 Euro, mit Vorteilscard: 2,50 Euro) gestrichen. Ebenso das Intercity-Biking-Streckenticket für Fernzüge (bisher 10 Euro, mit Vorteilscard: 5 Euro). Jetzt gibt es nur noch die neuen entfernungsabhängigen Fahrrad-Tickets, die Ermäßigungen für Vorteilscard-Kunden wurden ausnahmslos gestrichen. Die sukzessive Entwertung der Vorteilscard durch die ÖBB, die seit einigen Jahren zu beobachten ist, hat mit dieser Tarifreform also auch bei der Fahrradmitnahme zugeschlagen. Es gibt nun keinerlei Preisvorteil mehr für die rund eine Million Vorteilscard- und Österreichcard-Kundinnen und -Kun- den bei der Radmitnahme. Während Vollpreis-Zahlende durch die neuen Fahrrad-Mitnahme-Tarife teils günstiger wegkommen, zahlen die Fahrgäste mit Vorteilscard jetzt meist mehr als vorher.

Vergleich Westbahn

Beim ÖBB-Konkurrenten Westbahn wird die Rad-Mitnahme nur bei vorheriger Reservierung garantiert (was nur online möglich ist) und kostet in diesem Fall 5 Euro. Wer ohne Reservierung zum Zug kommt, zahlt 10 Euro und riskiert eine Abweisung. Den Preisun- terschied, der vor allem Kurzreisen in Relation stark verteuert, begründet die Westbahn mit dem jeweils kurzfristig nötigen Umbau an der Gepäckablage im Zug.

Faltrad: Unklare Situation

Von Einschränkungen bei der Fahrradmitnahme unabhängig macht die Benutzung eines Faltrades, das gefaltet als Handgepäck in jedem Zug, auch im Railjet, mitgenommen werden kann. Jedenfalls war die Situation bis zur Tarifumstellung 2014 klar: Das Faltrad konnte bei den ÖBB unverpackt als Gepäckstück mitgenommen werden. Seit Jahreswechsel ist jedoch der betreffende Passus aus den Bestimmungen verschwunden, das Faltrad ist also nicht mehr eigens definiert und damit keine Klarheit mehr vorhanden. Laut mündlicher Auskunft der ÖBB gilt zwar ein gefaltetes Faltrad nach wie vor als Handgepäck und wird kostenlos befördert, aber die Rechtssicherheit für Mitnahme fehlt seit Jahreswechsel.

Lichtblick: Einfach­Raus und Euregio

Weiterhin, wenn auch teurer (vorher 39 Euro, jetzt 44 Euro) gibt es das Einfach-Raus-Radticket, das in Regio- nalverkehrszügen der ÖBB (R, REX, S- Bahn) und der Raaberbahn gilt. Damit können zwei bis fünf Personen um 44 Euro einen Tag gemeinsam mit Radmitnahme Bahn fahren. Bei Fahrten mit den günstigen Euregio-Tickets der ÖBB im grenzüberschreitenden Regionalverkehr nach Tschechien, Slowakei und Ungarn (Pauschalpreise für Hin- und Rückfahrt in R-, REX- und S- Bahn-Zügen) kann das Fahrrad gratis mitgenommen werden.

Rad­Engpass Railjet

Fernzüge mit Radmitnahme sind durch den vermehrten Einsatz des fahrradlosen Railjet bereits in der Minderzahl. Bereits für das Jahr 2012 wurde die Umrüstung von Railjets auf Fahrradmitnahme angekündigt. Eva Ruttensteiner, Konzernkommunikation ÖBB, meint aktuell darauf angesprochen: „Unsere Kunden wünschten sich das Fahrradabteil näher an der 2. Wagenklasse als ursprünglich geplant. Dadurch hat sich das Projekt Fahrrad- abteil im Railjet verzögert.“

Da die Railjets die schnellsten Zugverbindungen sind, bedeutet die weiterbestehende Unmöglichkeit der Radmitnahme, dass Fernreisen mit dem Fahrrad in Österreich erschwert und verlangsamt werden: Beispielsweise hat die Strecke Wien – Innsbruck mit Rad eine um bis zu 60 Minuten längere Fahrzeit. Abhilfe versprechen die ÖBB mit einer Neuigkeit gegenüber der Rad- lobby: Die Railjetnachrüstung mit fünf Radabstellplätzen im ersten Waggon ist nun beschlossen und der Vertrag unterfertigt, sie soll bis Sommer 2016 in allen Railjets erfolgt sein. Bereits ab Dezember 2014 kommen auf der Strecke Prag – Wien – Graz tschechische Railjet-Garnituren mit Radmitnahme zum Einsatz. Die Radmitnahme auf internationalen Strecken kostet ab Österreich 12 Euro. Aber auch hier sind immer weniger Fernzüge zu finden, die Fahrräder mitnehmen. Ursache ist auf den Verbindungen nach Deutschland und in die Schweiz der vorherrschende Ein- satz von ICE und Railjet, die beide keine Räder mitnehmen. Frankfurt, München und Zürich sind im Tagesverkehr von Wien nicht direkt mit Rad zu erreichen. Diese Situation bedroht den boomen- den Radtourismus-Markt in Österreich, da zahlungskräftigen Fahrradgästen die Anreise verunmöglicht wird.

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Erfahrungen aus der Community

Vorarlberg

Vorarlberg ist abends von Landeck aus mit Fahrradmitnahme nicht mehr zu erreichen. ÖBB-Bedienstete halfen mir, mit Müllsäcken mein Rennrad zu tar- nen, um es als Gepäck im Railjet ver- stauen zu können.

Wolfgang J.

Ersatzverkehr

Wegen Schienenersatzverkehrs erteilte die ÖBB-Servicehotline die Auskunft: „In Bussen ist die Radmitnahme nicht möglich.“ Also schwang ich mich auf mein Rad und fuhr samt sperrigem Gepäck zum Fortsetzungsbahnhof. Zwei Minuten nach mir erreichte auch der Schienenersatzverkehr den Bahnhof – mit Fahrradanhänger!

Jakob A.

Reservierung

Bei der Ankunft vom Alpenpass am Bahnhof hatte der reservierte Zug trotz telefonischer Radreservierung keine Mitnahmemöglichkeit. Der kooperative Schaffner erlaubte das Verladen in den Gang des letzten Waggons dennoch und ersetzte die durchs beengte Hantieren beschädigte Kleidung auf ÖBB-Kosten.