Vom Wind, vom Wasser und der Zeit
Andere träumen davon, Esther Gureczny und Fridolin Glatter taten es: Sie kündigten Jobs und Wohnung – und machten sich auf, Patagonien zu beradeln. Philipp Schober hat ihre Geschichten aufgezeichnet.
Fotos: Esther Gureczny, Fridolin Glatter
Seit 5. Janner 2026 radeln Esther Gureczny und Fridolin „Frodo“ Glatter von der Südspitze Patagoniens nordwärts. Mitte Mai waren sie nahe Vina del Mar, in Chile. Für das Rad-Abenteuer wurden Jobs und Wohnung gekündigt. Ein genaues Ziel haben sie nicht – auch, wann sie wieder zurück in Österreich sein werden, ist offen. Wir haben sie unterwegs immer wieder „abgepasst“ – und nicht um eine große, sondern um mehrere kleine Geschichten gebeten.
Was uns bewegt
„Die guten Reisenden“, schrieb der chinesische Philosoph Laotse, „haben keine fixen Pläne und sind nicht darauf aus, anzukommen.“ Genau so versuchen wir auch, an die bisher größte Reise unseres Lebens heranzugehen: Ungefähr ein Jahr lang wollen wir mit dem Fahrrad durch Südamerika reisen. Obwohl wir viele Orte und Aktivitäten im Kopf haben, die wir gern sehen und erleben möchten, haben wir auch nach vier Monaten Radreise noch immer keine genaue Route.
Loser Schotter
Vor der Reise wurde trotzdem viel geplant – vor allem, was die „Hardware“, also die Räder anging. Das scheint sich gelohnt zu haben – insbesondere der Griff zu den breitesten Reifen, mit denen wir je gefahren sind: Auch nach über 4.000 Kilometern hatten wir noch kein technisches Problem, das wir nicht selbst schnell lösen konnten – und von denen auch nur eine Handvoll. Von anderen Radreisenden haben wir da ganz anderes gehört: von gebrochenen Gepäckträgern und Umwerfern über zerschlissene Ketten bis zu von Hunden zerbissenen Reifen war alles dabei.
Die Bedingungen hier sind teilweise wirklich hart: Es gibt sehr viele Schotterwege, den berüchtigten „Ripio“, der mitunter aus sehr groben Steinen besteht. Aber vor allem fährt man hier sehr häufig auf „Washboard“ – also vielen kleinen Bodenwellen, die das ganze Rad gründlich durchschütteln. Radwege gibt es so gut wie nie – dafür aber oft einen Seitenstreifen. Auf dem liegt nur leider viel Glas und Draht aus alten Reifen herum. Bisher waren die Kraftfahrzeuge – und ihre Lenker (es fahren viel weniger Frauen als Männer) – uns allerdings sehr wohlgesonnen.
Sich dem Wind unterordnen
In Patagonien ist das Wetter König: Wir lernten, uns nach ihm zu richten. Von Sonne über Regen, Hagel, Schnee und sogar einem Sandsturm war schon alles dabei. Die Hauptrolle nimmt aber der Wind ein: In Tierra del Fuego, ganz im Süden, gibt es vor allem Pampa. Ungehindert fegt er übers Land – und hat schon manchen Reisenden in den Bus steigen lassen.
Unsere Idee, von Ushuaia – dem „Ende der Welt“ im Süden – nach Kolumbien im Norden Südamerikas zu radeln, überraschte daher viele: Der Wind weht meist aus Nordwesten, uns also genau entgegen. Aus (Reise)Zeitgründen schlugen wir die Warnungen aber – im Wortsinn – in den Wind.
Wie stark er blasen kann, hatten wir aber unterschätzt, lernten aber rasch, uns unterzuordnen: Wir starteten oft um vier Uhr morgens oder warteten auf die Abendstunden, um bei Windstille in die Dunkelheit zu radeln.
Hunde und das Leben im Moment
Unsere größte Angst sind mittlerweile die Hunde. Es gibt sehr viele. Oft sind sie aggressiv – und meist weder hinter einem Zaun noch angeleint. Bisher konnten wir sie mit Absteigen, lautem Schreien und angedeuteten Steinwürfen aber immer abschütteln oder verjagen.
Aber genau das birgt auch eine gewisse Schönheit: Im Grunde stehen wir zwar permanent vor neuen Herausforderungen – aber sie sind meist gut und schnell im Hier & Jetzt zu lösen. Deshalb planen wir höchstens ein paar Tage voraus. Dadurch haben wir viel Raum, so viele Erfahrungen zuzulassen.
Wasser, überall Wasser
Zum einen ist da die Natur: Im Süden staunten wir über die unendlichen Weiten der Pampa, die dann abgelöst wurden von schneebedeckten Bergen und Gletschern. Wasser spielt in Patagonien eine große Rolle: überall quillt, fließt und sprudelt es. Meist kristallklar, glitzert es in allen Blautönen, gerne auch grün und weiß – aber immer wunderschön: Von schimmernden Bergseen über reißende Flüsse, gigantische Wasserfälle, stürmische Ozeane und kalbende Gletscher bis zu heißen Quellen.
Wie im Bilderbuch
Entlang der Carretera Austral wechseln sich malerische Seen mit eindrucksvoller Regenwald-Vegetation ab: Riesige Farne und Nalcas – eine Art Riesenrhabarber – dominieren das Unterholz. Dazwischen liegen Berge, deren Anblick uns die Sprache verschlägt: die Cuernos in Torres del Paine, der majestätische Fitz Roy in den ersten Wochen sowie – später – die echten Vulkane: der „ruhende“ Osorno (die letzte Eruption fand 1869 statt, er gilt aber als „seismisch aktiv“) mit seiner weißen Spitze oder der vor 2900 Jahren zuletzt ausgebrochene Sollipulli mit seinem einzigartigen von einem Gletscher gefüllten Krater, umgeben von uralten Araukarienwäldern. Regelmäßig umkreisen riesige Kondore die Bergspitzen, aber auch Königspinguine, Kolibris, Nandus und zahlreiche Guanacos konnten wir schon bestaunen.

Auch mit Wolken eindrucksvoll: die Cuernos am Lago Pehoé
„Verstehen“ ist mehr als nur Sprache
Dann wären da – natürlich – die Menschen. Vom Straßenrand aus oder aus den Autos feuern sie uns an, schenken uns Obst und Käse, bekochen uns oder laden uns – aber auch die gar nicht so selten zu sehenden anderen Radreisenden – ein, bei ihnen zu übernachten. Mit Letzteren teilen wir uns dann mitunter den Weg – und den Wind.
Spanisch sprechen wir mittlerweile übrigens auch. Ein wenig zumindest – aber doch deutlich besser, als zu Beginn der Reise. Wobei: Wer Patagoniens Wahlspruch lediglich übersetzt, hat ihn noch lange nicht verstanden. Dafür muss man hierher kommen. Erst dann erschließt sich, was „El que se apura en la Patagonia pierde el tiempo.“ bedeutet. Weil man es spürt: „Wer sich in Patagonien beeilt, verliert die Zeit.“
Über die Reisenden

Vor ihrem Abenteuer lebten und arbeiteten Esther Gureczny (28) und Fridolin „Frodo“ Glatter (29) in Wien. Sie als Ärztin, er als Softwareentwickler. Nach zwei mehrwöchigen Radtouren gaben sie Jobs & Wohnung auf – und fuhren los.
Von Ushuaia, Argentinien, bis Viña del Mar, Chile
Geradelte Kilometer
4.669,6
Geradelte Höhenmeter rauf
49.750
Radtage
82
Gratis heiße Quellen
2
Patschen
1 : 5
(Esther : Frodo)
Gefrorenes Zelt
1
Gebackene Kuchen
8


