„Mutige Verkehrspolitik rückt Menschen in den Mittelpunkt“
Kurt Fischer hob als Lustenauer Bürgermeister den Radverkehrsanteil auf unglaubliche 34 Prozent an. Wie? Das verrät er im DRAHTESEL-Interview.
GESPRÄCH: Valentin Eisendle
FOTOS: Marktgemeinde Lustenau
Kurt Fischer war 15 Jahre Bürgermeister von Lustenau. In dieser Zeit machte der „Fahrradbürgermeister“ seinen Heimatort mit fast 25.000 Einwohnern und Einwohnerinnen zur Fahrrad- Vorzeige-Gemeinde: Der VP-Politiker schaffte es, den Radverkehrsanteil auf 34 Prozent zu bringen.
Das Bürgermeisteramt hat der studierte Philosoph und Unternehmer mittlerweile zurückgelegt – rad-aktiv bleibt der 62-Jährige weiterhin: Bei einer von der Radlobby organisierten Befahrung der Wiener Argentinierstraße erzählt er von seiner verkehrspolitischen Vision – und wieso (s)eine Rad- und Fuß-Brücke in die Schweiz ein echtes Jahrhundertprojekt werden wird.
DRAHTESEL: Warum fahren Sie gerne Rad?
Kurt Fischer: Weil es gesund ist und – wenn die entsprechende Infrastruktur vorhanden ist – auch sicher und effizient. Und: Man kommt auf schnellem Weg ans Ziel.
Wir sind gerade über Österreichs erste Fahrradstraße nach niederländischem Vorbild gefahren: Wie war es?
Ich bin begeistert! Ich war vor zwei Jahren mit Schweizer Kolleginnen und Kollegen in Utrecht. Die Wiener Argentinierstraße erinnert stark an die Fahrradinfrastruktur dort, sie strahlt dieselbe Sicherheit aus. Und sie bringt die Leute dazu, aufs Rad zu steigen.
Einfach genial, wie man da ins Zentrum kommt.
Schauen wir nach Westen, nach Lustenau: Was waren dort als Bürgermeister Ihre wichtigsten Schritte für den Radverkehr?
Die Entwicklung eines strategischen Konzepts in Zusammenarbeit mit dem renommierten Verkehrsplaner Hermann Knoflacher. Und die Ableitung von ganz konkreten Maßnahmen daraus. Mit der Zeit ist aus einzelnen Mosaiksteinen dann ein Gesamtbild entstanden. Das hat immer mehr Menschen abgeholt – auch jene, die anfangs skeptisch waren: Das Nutzungskonzept hat sie im Alltag eben überzeugt, weil sie erlebten, dass die Familie sicher mit Kindern ins Schwimmbad oder die Oma mit der Enkelin in die Musikschule radeln kann. Das war vorher oft nicht möglich. Die Menschen haben gemerkt: Aha, man kommt jetzt auf sicherem Weg – auf einem Radweg – hin. Dieses „Aha-Erlebnis“ hat vieles in Bewegung gesetzt – und unsere gemeinsame, fahrradfreundliche Vision wird langsam zur Wirklichkeit.
Was genau ist diese Vision?
Ganz einfach gesagt: Dass immer mehr Menschen aufs Fahrrad umsteigen. Das beste Beispiel dafür ist das Unternehmen „Blum“. Blum stellt Möbelbeschläge her und ist Vorarlbergs größter Arbeitgeber. Hier arbeiten auch viele Lustenauerinnen und Lustenauer. Bei Blum gibt es mittlerweile fast 4.000 Dienstrad-Leasing-Räder. Wenn man schon ein Dienstrad hat, das sich im Alltag bewährt, kauft man eventuell auch ein Lastenfahrrad oder einen Anhänger für die Kinder. Dadurch entwickelt sich bei uns eine Fahrradkultur, die von den Zahlen her fast schon Richtung Holland geht.
Lustenau war eine der ersten „Tempo 30“-Gemeinden Österreichs. Warum ist dieser sogenannte „Temposchutz“ so wichtig?
Im Bus hat mich unlängst eine 91-Jährige erkannt – und stolz erzählt, dass sie jeden Tag mit dem Fahrrad fährt: Die Begegnungszonen im Zentrum und die 30er- und 20er-Zonen rund um die Schulen machen für sie den Unterschied: Jetzt donnern die Autos nicht mehr mit 50 km/h an ihr vorbei. Dieses Beispiel ist genau das, was der dänische Stadtplaner Jan Gehl meint, wenn er sagt: „Eine Stadt muss für Acht- und für 88-Jährige funktionieren.“ Wenn sie selbstbestimmt und sicher mobil sein können, dann funktioniert sie für alle.
Seit 1994 dürfen Kommunen an Ortstafeln Tempolimit-Tafeln aufhängen. Warum ist das ein Erfolg?
Der Erfolg hängt davon ab, welche Zahl dort steht. Bei uns ist es die 30. Die Möglichkeit, diese Höchstgeschwindigkeit so zu verordnen, ohne einen Schilderwald zu schaffen, haben wir genutzt. Es hat funktioniert: Nach einer kurzen politischen Diskussion wurde es ruhig. Der Lärm sinkt exponentiell. Die Menschen nutzen die – im doppelten Sinn – beruhigten Straßen mit dem Fahrrad.
Was raten Sie zögerlichen oder skeptischen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern?
Es braucht ein langfristiges Commitment und eine Gesamtstrategie, nicht nur Einzelmaßnahmen. Es braucht eine fixe Zielsetzung: ein sicheres, zusammenhängendes Wegenetz. Einzelstrecken bringen nichts, solange der Rest des Netzes gefährlich bleibt.
Und was schreiben Sie überregional, also der Bundespolitik, ins Mobilitäts-Stammbuch?
Das entscheidende Wort ist: Wertehaltung. Welche Werte vertritt die Verkehrspolitik? Die Stimmungsmache unter anderem auf Social Media legt den Trugschluss nahe, dass, wer am lautesten schreit, tatsächlich für die Mehrheit spricht. Angesichts dieser Polarisierung – etwa „Auto gegen Rad“ – wird die Politik oft mutlos. Dabei sollte sie im Auge haben, was man mit einer mutigen Verkehrspolitik für die Menschen erreichen kann. Mutige Verkehrspolitik heißt: den Menschen in den Mittelpunkt rücken – zuerst in seiner ursprünglichen Bewegung gehend. Und als nächstes in seiner aktiven Mobilität auf dem Fahrrad.
Wohin führt die Reise für Lustenau?
Ganz klar: in die Champions League der europäischen Fahrradregionen. Da spreche ich für das gesamte Rheintal. Diese Region hat enormes Potenzial, eine lebenswerte und sehr attraktive Fahrradregion zu werden – für den Alltagsverkehr, aber auch touristisch. Jetzt braucht es Entschlossenheit und Ausdauer. Aber es ist zu schaffen. Auch und gerade aufgrund der grenzübergreifenden Zusammenarbeit im Projekt „Velotal Rheintal”.
Dabei geht es – unter anderem – um eine Rhein-Brücke, die die Schweiz und Österreich gemeinsam finanzieren. Aber: Was macht diese Rad- und Fußbrücke so besonders?
Seit über einem Jahrhundert arbeiten viele Menschen aus Vorarlberg in der Schweiz. Umgekehrt kommen viele zum Einkaufen oder in die Gastronomie nach Vorarlberg. Die Brücke macht das nun sicherer. Sie ist ein Leuchtturmprojekt, aber auch eine architektonische Attraktion. Das Architektenteam von Giorgio Masotti aus Bellinzona im Tessin hat das Projekt mit gutem Grund „Verweilen” genannt. Das ist mehr als einfach nur ein Schlagwort: Die Brücke verbreitert sich in der Mitte auf sechs Meter und lädt – mitten über dem Rhein, genau auf der Grenze zwischen zwei Ländern – mit Sitzbänken und viel Platz zum Verweilen und Fotos machen ein. Ich bin sicher: Wenn sie 2028 fertig ist, wird sie sowohl für den Berufsverkehr als auch für Menschen, die den Urlaub bei uns verbringen, ein Highlight.
Was würden Sie heute genauso machen,was anders?
Die strategische Ausrichtung war eine glückliche Fügung. Ein großes Team, das hinter und mit mir das Vorhaben umgesetzt hat – das würde ich wieder so machen. Was ich anders machen würde? Ich würde viel früher flächendeckend Tempo 30 in der Gemeinde einführen.
Zur Person

Kurt Fischer (VP) ist 62 Jahre alt und war 15 Jahre Bürgermeister der 25.000 Bewohnerinnen und Bewohner der Vorarlberger Marktgemeinde Lustenau.
Links
YouTube Tipp:
„Lernen von Österreichs Fahrradgemeinde Nr.1“
In 7 Schritten zur Tempo-30-Gemeinde:
radlobby.at/temposchutz
