Radfahren in der kalten Jahrszeit kann ganz schön, aber auch ganz schön mühsam sein. Mit diesen zehn Tipps von erfahrenen Ganzjahres-Radelnden kommst du auch bei Sturm und Minusgraden fidel und sicher ans Ziel.

TIPP 1: Weiterradeln

Tägliche zügige Bewegung an der frischen Luft stärkt die Gesundheit und hält länger fit. Radfahren hat positive Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System und die Lunge, auf Knochen, Gelenke und Muskeln sowie den Stoffwechsel (wirkt Diabetes und Fettstoffwechselstörungen entgegen). Außerdem stärkt es Nerven- und Immunsystem. Diese Vorteile wirken auch im Winter: Nicht nur, dass wir unsere Abwehrkräfte stärken, wir sind auch der Ansteckungsgefahr in „Öffis“ weniger ausgesetzt.

Ich bin als Landarzt viele Winter durchgeradelt; im Tiefschnee oder durch Schneeverwehungen habe ich notfalls einige Meter geschoben. Der Winter macht uns leicht zu Stubenhockern. Sich zu motivieren, in die Arbeit und wieder heim zu radeln, fällt oft leichter, als sich abends zur sportlichen Bewegung im Fitnesscenter aufzuraffen.
Klaus Renoldner

TIPP 2: Winter Survival Pack

Auf YouTube widmen sich unzählige Beiträge der Frage, was in eine „Bug-Out“-(Flucht) oder „Everyday Carry“-Tasche zu packen sei. Oft wird in den Videos vom Bevorstehen einer Zombie-Apokalypse ausgegangen, zumindest aber vor der liberalen Anti-Waffen-Lobby gewarnt, die rechtschaffenen US-Bürgerinnen und -Bürgern die Sturmgewehre fladern will. Für Radfahrende im Winter ist nun das Nachdenken über den Inhalt der Alltagstasche (bitte ohne Sturmgewehr!) tatsächlich sinnvoll. Oft nämlich schlägt im Lauf des Tages das Wetter um.

Ich empfehle: eine gute, ultradünne Windjacke, die sich auf Faustgröße zusammenknüllen lässt (am besten in Signalfarbe zum Überziehen für kalte Nachtfahrten). Eine enganliegende Fleece-Mütze, die man unter Helm oder Haube tragen kann, ein Extra-Paar Handschuhe sowie ein Reserve-Rücklicht zum Anklippen. Ein Taschenmesser sollte jeder Mensch ohnehin immer dabei haben. Schon allein der Zombies wegen…
Matthias Bernold

TIPP 3: Technik

Der Winter verlangt sowohl den Radfahrenden als auch dem Fahrrad einiges ab. Vereiste und rutschige Straßen testen Bereifung, Bremsklötze und Fahrkönnen. Mit diesen Vorkehrungen trotzt ihr Kälte und Dunkelheit:

Sichtbarkeit Ist bei Dunkelheit und trübem Wetter besonders wichtig. Darum bitte überprüfen, ob alle vorgeschriebenen Reflektoren (nach StVO: vorne, hinten, Pedale und Speichen) am Rad angebracht und noch in Ordnung sind.

Licht Seitenläufer-Dynamos sind nicht mehr State-of-the-art, rutschen oft durch und beleuchten daher nur unzureichend. Entweder auf Nabendynamo mit praktischer Standlichtautomatik umstellen oder kostengünstigere LED-Lichter aufs Rad schnallen.

Bremsverhalten Die Bremsbeläge überprüfen und – falls abgefahren – tauschen. Aber auch die beste Bremse nutzt nichts, wenn die Reifen rutschen. Darum auch das Profil und die Lauffläche der Mäntel überprüfen! Eis, Matsch und Streugut machen es den Reifen zusätzlich schwer. Eventuell Winterreifen andenken!

Reinigung Schmutz und Streusalz setzen dem Lack und den Lagern ganz schön zu. Darum sollte nach jeder Ausfahrt das Rad trockengewischt und in regelmäßigen Abständen die beweglichen Teile (Kette, Bowden, usw.) geölt und geschmiert werden. Das verlängert die Haltbarkeit!
Sabine Dönz (Radpunkt)

TIPP 4: Bei Nordwind: Uschanka

Radfahrende, die bei Frost mit freiem Haupt unterwegs sind, ringen mir Respekt ab. Meine Devise: am Kopf lieber etwas zu warm als zu kalt. Einfache Strickhauben sind bestenfalls für milde Temperaturen geeignet. Zu sehr bläst der Fahrtwind durch die Löcher. Es braucht dicht gewebtes Material, das dem Jänner-Nordwind standhält. Sinken die Temperaturen merklich unter den Gefrierpunkt, bewährt sich auch am Kopf das Lagen-System:

Drunter eine dünne Haube, drüber eine zweite, dickere, am besten mit Ohrenschutz. In Russland heißt die klassische Pelzmütze „Uschanka“. Darin steckt das russische Wort für Ohren, weil seitlich Klappen nach unten geschlagen werden können. Dort wo es wirklich kalt ist, weiß man eben, wie man sich bei Kälte kleidet. Wer mit einer Uschanka – und die gibt es bei uns in modischen und etwas leichteren Ausführungen aus Kunstpelz – schon mal bei Eis und Schnee geradelt ist, wird das weiterhin tun wollen: Radeln im tiefen Winter mit Hochgenuss.
Martin Blum (Mobilitätsagentur)

TIPP 5: Die Gattihose

Kürzlich sprach mich ein Hausgenosse an, der sich nicht genug darüber wundern konnte, dass ich „sogar noch Anfang November“ das Fahrrad benutze. „Kein Problem, mir ist nie zu kalt zum Radeln, nur wenn Schnee liegt, fahre ich mit der Straßenbahn“, entgegnete ich.

Dass ich mein Faible für umweltbewussten Individualverkehr auch im Winter ausleben kann, weil ich nebst warmer Oberbekleidung auch mit langer Unterhose adjustiert bin, ließ ich bei dieser Gelegenheit unerwähnt. Ich hätte es aber auf Nachfrage ohne zu zögern kundgetan.

Andererseits gibt es nach wie vor eine nicht geringe Anzahl von Männern, die eine lange Unterhose als antiviril, ja geradezu unsexy empfinden. Da laufen sie lieber bibbernd durch die Gegend, als sich einzugestehen, dass ein solches Kleidungsstück bei klirrender Kälte sinnvoll eingesetzt werden kann.

Aus der Biedermeierzeit ist bekannt, dass gegen eine „grobleinene Gattihose“, wie die lange Unterhose schon damals bezeichnet wurde, keinerlei Vorbehalte bestanden. In den 1960er-Jahren habe ich dann selber wahrgenommen, wie bereits Volksschulbuben, die von ihren Müttern in lange Unterhosen gesteckt worden waren, einander wegen dieses Wäschestücks neckten. Noch heute ist zu beobachten, dass vor allem Männer der Generation 50+ eine regelrechte Abscheu vor langen Unterhosen haben.

Während in den 1960er und 1970er-Jahren bloß graue und weiße Gattihosen aus Baumwolle zu bekommen waren (die in ihrer klobigen Machart zugegebenermaßen tatsächlich unsexy wirkten), besteht heute ein durchaus attraktives – und vielfarbiges – Angebot. Tipp im Tipp: Auf gute Qualität achten! Bei billigen Gattihosen beginnen sich die Gummizüge bald auszuleiern oder sogar aufzulösen – mitunter bereits nach dem ersten Waschgang.
Ivan Gnirfrew

TIPP 6: Sei wie Peter

Kalt wird’s – Zeit sich zu verhüllen! Falsch! Nicht weil’s jetzt verboten wäre. No Sir! Unsereins geht auch weiterhin mit der Balaclava zum Shoppen ins Goldene Quartier und im Niquab zum WKR Ball, oder auch umgekehrt – je nach Lust und Laune. Aber am Rad ist das erstens unpraktisch und zweitens ein Zeichen von fehlenden Eiern bzw. Eierstöcken, wenn ab November nur noch vollverhüllt in Funktionswäsche pedaliert wird.

Heuer zeigen wir Härte und machen es wie Peter. Ich treffe ihn bei der Critical Mass und – in derselben Woche – in der Flickerei. Beide Male trägt er sein ultrakurzes Nylonhoserl. „Wie hältst du das aus?“, will ich wissen. Beinbehaarung helfe da nicht, versichert er. Man müsse sich hingegen an die Kälte gewöhnen, sich mit ihr gewissermaßen anfreunden. Peter macht das so: Kurze Hose bis es weniger als zehn Grad hat, dünne Jacke ist erlaubt, Handschuhe auch, Schal muss sein.

Erst bei Minusgraden tauscht Peter Nylon-Hose dann doch gegen Funktionskleidung. Am besten – sagt er – vom Diskonter, die ebenda zweimal im Jahr verramscht wird. Je billiger, desto höher sei der Kunststoffanteil und der sorge für die richtige Wärme…
Jan Killian

TIPP 7: Füße warm halten

Eine 200 Jahre alte Radfahrenden-Weisheit besagt: Der Mensch fängt am Fuß zu frieren an. Was also tun, damit die Füße warm bleiben? Wichtig ist zunächst einmal, dass zwischen Fuß und Schuh genug Platz ist zum Zehenwackeln. Daher: nicht mit den dicksten Socken in die Pelzstiefel zwängen, sondern besser dünnere, warme Socken (z.B. aus Merinowolle – die hält auch schön trocken) mit warmen Schuhen kombinieren. Manche schwören auch auf Neoprenüberschuhe oder Gamaschen.
Für den Alltag erweist sich derlei Ausstattung allerdings als etwas kompliziert. Schick sind die Plastik-Accessoires auch nicht unbedingt. Wenn’s wirklich zu kalt wird, hilft zwischendurch ein bisschen Gehen oder ein gemütlicher Kaffee im Warmen. Oder doch die heizbaren Einlagen ausprobieren?
Omo Lisboa

TIPP 8: Spinnen im Dunkeln

Was an Ausdauer beim Hausberge-Fahren zusammengeradelt wird, überwintert – anders als das Rennrad – leider nicht bequem im Keller. Damit es klappt mit der Fitnesskonservierung bis zum Frühlingserwachen braucht’s Bewegungsalternativen. So eine findet sich zum Beispiel im soundcycle Spinning Studio von Fitnesstrainer Stefan Macek in Wiens Innerer Stadt. Das Besondere: Geradelt wird im abgedunkelten Raum, ohne ohrenbetäubende Geräuschkulisse, weil Musik samt Wegleitung aus dem Kopfhörer strömen. Großes Plus: Jede Einheit ist anders, Macek persönlich stellt Playlists und Touren zusammen. Während der Fahrt sagt er den Streckenverlauf an. Programm der Probefahrt: „Drei flotte Berge.“

Der Tretwiderstand wird entsprechend eingestellt. Vor der Stunde passt man den schnittigen Star Trac Spinner – so heißen diese Ergometer – Spinner an den Körper an. Klick links, Klick rechts (SPD-Pedale oder Körbchen für die Füße) und los geht’s. Im Vergleich zum Rennrad sind die Spinner bequemer und kennen weder Glatteis noch Reifenplatzer. Wechselnde Techniken, vom einfachen Wiegetritt zu rhythmischen Jumps und spritzigen Runnings machen das Training kurzweilig. Schenkel brennen. Schweiß – lass – nach. Nach einer Stunde waren Berge und Schweinehund überwunden. Fazit: Intensives und effizientes Intervalltraining für alle, die sich beim Radtraining nicht von der Jahreszeit ins Beinwerk pfuschen lassen wollen.
Claudia Aschour

TIPP 9: Die richtige Attitüde

Der Blick hinaus dämmert in Grautönen zwischen Wolkenbänken, kahl werdenden Bäumen und Hauswänden, die müde gähnen und noch nicht feierlich in Licht gehüllt. Die Motivation, auf das Rad zu steigen, sich durch den Nebel zu kämpfen, umschichtet das Gemüt wie die Wärmelagen, die zur Erwärmung beitragen sollen. Wie also den Mut finden, sich auf das Rad zu setzen und die Leichtigkeit des Sommers wieder einzufangen? So anders ist es ja nicht. Die Bewegung ist die gleiche: die Hände am Lenker, die Füße auf den Pedalen, die Augen wachsam. Auf dem Rücken die Utensilien für den Tag.

Der Weg zum Fahrrad ist der längste an diesen grauen Tagen. Sitzt mensch erstmal, ist die ganze Grübelei verflogen. Die Augen vielleicht etwas mehr zugekniffen. Aber das kann auch bei gleißendem Sonnenschein passieren. Der Schal ist enger geschnürt, die Haube schützt die Ohren vor dem kalten Fahrtwind, und die Wollsocken dürfen natürlich nicht vergessen werden. Aber sobald die Position auf dem Rad eingenommen wurde, ist die Freiheit greifbar. Die Verlängerung des Körpers flügelgleich leicht. Der Weg ist das Ziel in der eigenen Blase. Dieser besondere Wohlfühlort. Egal, ob der Wetterfrosch von Plus- oder Minusgraden erzählt. Freiheit ist hier die richtige Attitüde. Und hilft in allen Lebenslagen. Ob bei Sonne, Regen oder Winterwinden.
Clara Felis

TIPP 10: Quasi Strampelanzug

Aus anthropologischer Sicht betrachtet, ist der Mensch für Temperaturen zwischen 24 und 32 Grad geeignet. Diese idealen Voraussetzungen ermöglichen ein Leben ohne Kleidung. Sie existieren allerdings nur zwischen dem nullten und dem 30. Breitengrad, also in tropischen und subtropischen Gebieten, wo die Geschichte des Menschen vermutlich ihren Anfang nahm. Außerhalb dieser Klimazonen gilt es, ähnliche Bedingungen mit Hilfe der Kleidung zu simulieren.

Vorbild hierfür ist die Körperbehaarung von kältefesten Säugetieren, die den Körper möglichst lückenlos umschließt. Und genau hier zeigen sich die Schwachstellen: Lücken in der Isolation an Handgelenken, Waden und – der anatomische Kälte-GAU: der Hals

Das ideale Kleidungsstück wäre ein Strampelanzug („Onesie“) mit Rollkragen. Wem das modemäßig zu gewagt erscheint, der sollte danach streben, die Isolationslücken zu schließen. Schal ⁄ Tuch und hohe Strümpfe, eventuell Leg-Warmer sind ein Muss. Und ohne Handgelenkswärmer radle ich zum Beispiel nicht einmal zur nächsten Wasserstelle.
Gerlinde Puck